Markt 1 - der Podcast aus dem Coburger Rathaus
Vom Ketschentor über den Albertsplatz bis zum Ernstplatz: Kaum ein Bereich Coburgs hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten so stark verändert wie die Ketschenvorstadt.
In dieser Folge von „Markt 1“ spricht Constantin Hirsch mit Ullrich Pfuhlmann und Silke Neumann von der Wohnbau Coburg über eines der größten Stadtentwicklungsprojekte der vergangenen Jahre. Wie entstand die Idee? Welche Herausforderungen brachte die Umsetzung mit sich? Was wurde unter der Erde gefunden? Und warum ist die obere Ketschengasse noch immer eine offene Baustelle – zumindest auf dem Papier?
Außerdem geht es um die Geschichte des Albertsplatzes, den ehemaligen Viktoriabrunnen, archäologische Funde und die Frage, wie Stadtplanung heute anders funktioniert als noch vor 20 Jahren.
Vom Verkehrsraum zur Lebensader
Wer heute vom Judentor über Ernstplatz und Albertsplatz bis zum Ketschentor schlendert, erlebt Coburg von seiner besten Seite: viel Grün, klare Wege, Raum zum Verweilen. Was selbstverständlich wirkt, ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen Prozesses.
Mit der offiziellen Freigabe des Ernstplatzes ist nun ein weiterer Meilenstein geschafft. „Wir schließen damit auch ein bedeutendes Kapitel der Coburger Stadtentwicklung ab – und beginnen zugleich ein neues“, sagte Oberbürgermeister Dominik Sauerteig bei der Eröffnung am 2. Mai 2026.
Eine Idee wächst über Jahrzehnte
Der Ausgangspunkt liegt bereits im Jahr 2008: Ein städtebaulicher Wettbewerb legte den Grundstein für die umfassende Sanierung der Ketschenvorstadt. Ziel war es, ein Gebiet neu zu ordnen, das lange Zeit vor allem eines war: Verkehrsraum.
„Das war früher ein Parkplatz, stark befahren, kein Ort zum Verweilen“, erinnert sich Silke Neumann, Leiterin der Sanierungsabteilung der Wohnbau Coburg. Heute zeigt sich ein völlig anderes Bild: „Die Qualität sucht ihresgleichen.“
Tatsächlich zieht sich die Maßnahme wie ein roter Faden durch die Innenstadt – vom Bereich vor dem Ketschentor über Albertsplatz und Ernstplatz bis hin zum Viktoriabrunnen. Rund 6,7 Hektar umfasst das Sanierungsgebiet, allein am Ernstplatz wurden etwa 8.000 Quadratmeter neugestaltet.
Mehr als Pflaster und Bäume
Doch die Veränderungen gehen weit über eine neue Oberfläche hinaus. Es geht um ein neues Verständnis von Stadt. „Mehr Grün. Mehr Raum. Mehr Aufenthaltsqualität“, brachte es OB Sauerteig auf den Punkt. Barrierefreie Wege, neue Sitzgelegenheiten, ein durchdachtes Beleuchtungskonzept und eine klare Verkehrsführung sorgen dafür, dass sich unterschiedliche Nutzungen heute besser ergänzen.
Ein zentraler Gedanke: Die Stadt wieder den Menschen zurückzugeben. „Früher war die Innenstadt stark auf den Verkehr ausgerichtet“, erklärt Ullrich Pfuhlmann, technischer Leiter der Wohnbau. „Heute geht es darum, Räume zu schaffen, in denen sich Menschen gerne aufhalten.“
Zwischen Mittelalter und Moderne
Wer durch die neugestalteten Bereiche läuft, bewegt sich gleichzeitig durch die Geschichte Coburgs. Die Promenade entlang der Stadtmauer greift den historischen Anlagenring auf, der auf die mittelalterliche Stadtbefestigung zurückgeht. Und manchmal kommt diese Geschichte auch ganz unerwartet zum Vorschein.
Bei den Bauarbeiten wurden unter anderem erhöhte Belastungen mit Arsen und Quecksilber festgestellt. Die Erklärung führt zurück in den Dreißigjährigen Krieg: „Die Schweden hatten dort wohl ihre Geschützstellungen. Die Rückstände finden wir heute noch im Boden“, berichtet Pfuhlmann. Auch archäologische Funde aus dem Mittelalter begleiteten die Bauarbeiten – inklusive klassischer Grabungen mit Pinsel und Kelle.
Eine Baustelle als Kraftakt
Viele Jahre Bauzeit, mehrere Bauphasen und zahlreiche Beteiligte – und das entlang der gesamten Ketschenvorstadt: Die Sanierung war ein komplexes Zusammenspiel aus Planung, Bau und Kommunikation. „Diese Zeit hat allen Beteiligten einiges abverlangt“, betonte Oberbürgermeister Dominik Sauerteig. Sein besonderer Dank galt den Anwohner*innen und Gewerbetreibenden: „Sie haben Einschränkungen im Alltag getragen, Umwege akzeptiert und Geduld bewiesen.“
Denn die Herausforderungen waren vielfältig: Bauabschnitte mussten so organisiert werden, dass Geschäfte erreichbar blieben, Leitungen erneuert und gleichzeitig archäologische Untersuchungen durchgeführt werden konnten. Gerade in engen Bereichen – etwa rund um den Viktoriabrunnen – war die Abstimmung besonders anspruchsvoll. Hier treffen Aufenthaltsqualität und notwendige Infrastruktur unmittelbar aufeinander.
Ein Beispiel ist die Anlieferung des innerstädtischen Supermarkts: Trotz deutlich weniger Straße muss weiterhin ein Lkw passieren können. Dafür wurden Fahrspuren präzise geplant, Schleppkurven berechnet und Flächen so gestaltet, dass sie sowohl funktional als auch städtebaulich verträglich sind. „Das war schon ein sehr anspruchsvoller Bereich“, so der technische Leiter der Wohnbau, Ulrich Pfuhlmann.
Damit der Alltag trotz Baustelle weiter funktionieren konnte, setzte man bewusst auf Begleitung vor Ort – etwa durch eine „Baubude“ als Anlaufstelle für Bürger*innen und Gewerbe während der ersten Phasen in der unteren Ketschengasse. Sie diente als Informationspunkt, aber auch als niedrigschwelliger Ort für Austausch, Fragen und Kritik.
Ein Kraftakt – für Verwaltung, Planer*innen und Bauunternehmen ebenso wie für alle, die hier leben, arbeiten und einkaufen.
Markthalle und Tiefgarage: Ideen, die die Stadt verändern
Auch abseits der sichtbaren Plätze hat sich in der Ketschenvorstadt viel getan. Mit dem Bau der Tiefgarage am Albertsplatz wurde ein zentraler Baustein geschaffen, um den ruhenden Verkehr aus dem Straßenraum zu verlagern – und damit überhaupt erst Platz für die neue Aufenthaltsqualität zu schaffen. Heute ist sie stark frequentiert und zeigt, dass das Konzept aufgeht.
Der Bau selbst war allerdings alles andere als einfach: Aufwendige Gründungsarbeiten mit hunderten Bohrpfählen, schwierige Bodenverhältnisse und komplexe Abstimmungen mit angrenzenden Grundstücken machten die Maßnahme zu einer technischen Herausforderung. Zeitweise wurde die Baugrube zum regelrechten Kraftakt – „da ist man zwei Meter gelaufen und stand plötzlich ohne Gummistiefel da“, erinnert sich Silke Neumann an den zähen Untergrund aus Lehm und Schlamm.
Weniger geradlinig verlief hingegen die Entwicklung der Markthalle. Ursprünglich als klassischer Nahversorger gedacht, scheiterte das Konzept an den Anforderungen potenzieller Betreiber. Auch die Idee einer Markthalle mit regionalen Anbietern ließ sich trotz guter Planung nicht realisieren. „Man muss sich manchmal mehr an der Realität orientieren als an der Idealvorstellung“, so Ulrich Pfuhlmann. Inzwischen haben sich neue Nutzungen etabliert, die funktionieren – vielleicht anders als ursprünglich gedacht, aber als Teil eines lebendigen Quartiers.
Ein Ort, der angenommen wird
Was heute bereits sichtbar ist: Die neuen Stadträume werden genutzt – und das intensiv. Besonders der Albertsplatz hat sich zu einem echten Treffpunkt entwickelt. „Selbst wenn Kinder dort spielen, strahlt der Platz eine unglaubliche Ruhe aus“, sagt Silke Neumann. Gastronomie, Wasserspiel und Sitzgelegenheiten sorgen für eine hohe Aufenthaltsqualität – genau das, was ursprünglich erreicht werden sollte.
Auch für Oberbürgermeister Sauerteig ist klar: „Dieser Ort ist nicht nur schöner geworden – er ist nutzbarer, lebenswerter und einladender.“