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Stadt Coburg

Stolperstein

Christiane Margarethe Ender, geb. Jakob

Inhalt

  1. Biographie
  2. Ehejahre und Leben als Arbeiterwitwe
  3. Arbeiten bei jüdischen Familien in der NS-Zeit
  4. Die Familie Kohn
  5. Zeugin eines politischen Mordes
  6. Nachkriegsjahre
  7. Erinnerung
Verlegeort des Stolpersteins

Biographie

Stolperstein für Christiane Margarethe Ender (ki-bearbeitet)

Christiane Margarethe Jakob wurde am 28. November 1883 in Mitwitz als Tochter des Schuhmachers Julius Jakob und seiner Ehefrau Christiane Margarethe, geborene Jung, geboren.[i] Sie wuchs in einer kinderreichen Handwerkerfamilie auf. Mehrere ihrer Geschwister starben bereits im Säuglings- oder Kindesalter – ein Schicksal, das für Familien im ländlichen Oberfranken des späten 19. Jahrhunderts trotz der Fortschritte der Medizin noch nicht ungewöhnlich war. 

Über ihre Schulbildung ist bislang nichts bekannt. Die Quellen belegen jedoch, dass Christiane später als Dienstmagd arbeitete. Der Dienstbotenberuf gehörte um 1900 zu den häufigsten Erwerbsmöglichkeiten für Frauen aus kleinbürgerlichen oder handwerklichen Verhältnissen. Viele junge Frauen verließen ihre Heimatorte bereits in jungen Jahren, um in städtischen Haushalten, Gastwirtschaften oder landwirtschaftlichen Betrieben Arbeit zu finden. Die Beschäftigungsverhältnisse waren häufig von langen Arbeitszeiten, geringer Entlohnung und starker persönlicher Abhängigkeit von den Arbeitgebern geprägt.

Der Lebensweg Christiane Jakobs spiegelt diese Mobilität wider. Zwischen 1904 und 1910 wurden ihre Kinder in Mitwitz, Jena und Erlangen geboren. Die unterschiedlichen Geburtsorte deuten darauf hin, dass sie sich in diesen Jahren an wechselnden Orten aufhielt. Ob dies unmittelbar mit ihrer Tätigkeit als Dienstmagd zusammenhing, lässt sich anhand der bisher bekannten Quellen jedoch nicht sicher feststellen.

Vor ihrer ersten Eheschließung brachte Christiane Jakob drei Kinder zur Welt: die Tochter Emilie „Emmy“ Jakob, geboren am 22. Februar 1904, die Tochter Dora, geboren am 10. Februar 1909 und bereits wenige Monate später verstorben, sowie den Sohn Paul Jakob, geboren am 14. Februar 1910.

Für unverheiratete Mütter bedeutete dies im Deutschen Kaiserreich häufig erhebliche soziale und wirtschaftliche Belastungen. Obwohl die gesellschaftlichen Verhältnisse um 1900 bereits im Wandel begriffen waren, galten uneheliche Geburten vielerorts weiterhin als Makel. Frauen mussten ihre Kinder oft allein versorgen und waren auf die Unterstützung von Verwandten oder auf eigene Erwerbsarbeit angewiesen. Christiane Jakob gelang es dennoch, ihre Familie zu erhalten und für ihre Kinder zu sorgen.

Ehejahre und Leben als Arbeiterwitwe

Am 24. Februar 1912 heiratete sie den aus Zwickau stammenden Handlungsgehilfen Paul Richard Naumann. Über die näheren Umstände ihrer Begegnung ist nichts bekannt. Die Eheschließung markierte jedoch den Übergang von einem Leben als alleinstehende Mutter zu einem rechtlich und sozial abgesicherten Familienstand. 

Die Ehe wurde durch den Ersten Weltkrieg überschattet. Paul Richard Naumann starb am 14. April 1917 im Alter von 38 Jahren. Nach Familienüberlieferung fiel er als Soldat im Krieg. Christiane Naumann gehörte damit zu jener großen Gruppe von Kriegerwitwen, deren Zahl nach 1918 in Deutschland stark anwuchs. Der Verlust des Ernährers stellte viele Frauen vor erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten. Staatliche Unterstützungsleistungen waren oftmals gering und konnten den Lebensunterhalt nur teilweise sichern. Erwerbsarbeit blieb daher für viele Witwen unverzichtbar.

Am 17. Mai 1924 heiratete sie in Mitwitz den Holzarbeiter Georg Ender. Die Ehe führte sie nach Coburg. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie dürften bescheiden gewesen sein. Coburg befand sich in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg in einem tiefgreifenden sozialen und wirtschaftlichen Wandel. Inflation, Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit prägten den Alltag vieler Arbeiter- und Angestelltenfamilien. 

Auch diese Ehe endete früh. Georg Ender starb am 8. August 1927 im Alter von 52 Jahren. Christiane Ender war damit bereits zum zweiten Mal verwitwet. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, arbeitete sie weiterhin als Dienstbotin und Hausangestellte. Solche Tätigkeiten gehörten in den 1920er und 1930er Jahren zu den wenigen Beschäftigungsmöglichkeiten, die Frauen ohne formale Berufsausbildung offenstanden. Gleichzeitig boten sie Einblicke in unterschiedliche soziale Milieus und ermöglichten persönliche Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Angestellten, die über rein wirtschaftliche Abhängigkeiten hinausgehen konnten. Diese Erfahrungen sollten später für ihre Verbindung zur jüdischen Familie Kohn in Coburg von Bedeutung werden.

Arbeiten bei jüdischen Familien in der NS-Zeit

Während der 1930er Jahre arbeitete Christiane Ender für das jüdische Ehepaar Kohn. Die Lebenssituation jüdischer Familien in Coburg hatte sich seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 grundlegend verändert. Coburg nahm innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung eine besondere Stellung ein. Die Stadt galt den Nationalsozialisten als frühe Hochburg ihrer Bewegung und wurde propagandistisch als „erste nationalsozialistische Stadt Deutschlands“ bezeichnet. Entsprechend früh und konsequent wurden antisemitische Maßnahmen umgesetzt. Die jüdischen Einwohner sahen sich nicht nur staatlichen Einschränkungen, sondern auch gesellschaftlicher Ausgrenzung und wirtschaftlichem Druck ausgesetzt.[i]

Besonders betroffen waren jüdische Geschäftsleute wie Siegfried Kohn. Bereits in den ersten Monaten der nationalsozialistischen Herrschaft wurden jüdische Geschäfte boykottiert und öffentlich stigmatisiert. Kunden mussten damit rechnen, beim Betreten jüdischer Geschäfte beobachtet oder denunziert zu werden. Zugleich erschwerten neue gesetzliche Bestimmungen, lokale Boykottmaßnahmen und zunehmende gesellschaftliche Ausgrenzung die wirtschaftliche Existenz jüdischer Unternehmer. Viele langjährige Geschäftsbeziehungen und persönliche Kontakte gingen in dieser Zeit verloren.[ii]

Vor diesem Hintergrund gewannen diejenigen nichtjüdischen Personen, die weiterhin Kontakt zu jüdischen Familien hielten oder für sie arbeiteten, besondere Bedeutung. Ihre Motive konnten unterschiedlich sein und reichten von wirtschaftlicher Notwendigkeit über persönliche Loyalität bis hin zu menschlicher Verbundenheit. Für die Betroffenen stellten solche Kontakte häufig eine der wenigen verbliebenen Verbindungen zur nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft dar.

Mit den Nürnberger Gesetzen vom September 1935 erhielt die antisemitische Politik des Regimes eine reichseinheitliche gesetzliche Grundlage. Das sogenannte „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ untersagte unter anderem die Beschäftigung weiblicher Hausangestellter unter 35 Jahren in jüdischen Haushalten, sofern diese nach nationalsozialistischer Definition als „deutschblütig“ galten.[iii] Die Regelung beruhte auf rassistischen Vorstellungen der Nationalsozialisten und verdeutlicht deren Bestreben, selbst alltägliche soziale Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden staatlich zu kontrollieren und einzuschränken.

Auf Christiane Ender traf diese Bestimmung aufgrund ihres Alters nicht zu. Gleichwohl verdeutlicht die Gesetzgebung die Rahmenbedingungen, unter denen Kontakte zwischen jüdischen Familien und nichtjüdischen Angestellten in den 1930er Jahren stattfanden. Jede fortbestehende persönliche oder berufliche Beziehung stand zunehmend unter dem Druck einer Politik, die auf die vollständige gesellschaftliche Isolation der jüdischen Bevölkerung zielte.

Die Familie Kohn

Der jüdische Kaufmann Siegfried Kohn (Öffnet in einem neuen Tab) betrieb seit 1909 ein Tuch- und Modewarengeschäft in der Mohrenstraße 36 in Coburg.[i] Gemeinsam mit seiner Ehefrau Hermine (Öffnet in einem neuen Tab) und der Tochter Ilse (Öffnet in einem neuen Tab) gehörte die Familie zu den bekannten jüdischen Geschäftsleuten der Stadt. 

Bereits kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Siegfried Kohn (Öffnet in einem neuen Tab) Opfer antisemitischer Gewalt. Im März 1933 verschleppten ihn SS-Männer in die berüchtigte Coburger „Prügelstube“, wo er schwer misshandelt wurde.[ii] Boykotte und Schikanen zerstörten nach und nach seine wirtschaftliche Existenz.[iii] Schließlich musste er sein Geschäft in der Mohrenstraße 36 aufgeben. 1937 zog das Ehepaar Kohn in das Haus Mohrenstraße 10, das dem jüdischen Viehhändler Siegfried Stern (Öffnet in einem neuen Tab) gehörte.[iv] Dort versuchte Kohn, den Verkauf von Textilien in kleinem Umfang fortzuführen. 

Zeugin eines politischen Mordes

Am 20. Oktober 1938 wurde Christiane Ender Zeugin eines Gewaltverbrechens, das zu den bekanntesten antisemitischen Straftaten im nationalsozialistischen Coburg vor der Reichspogromnacht zählt. An diesem Tag wurde Siegfried Kohn (Öffnet in einem neuen Tab) in seinen Geschäftsräumen in der Mohrenstraße durch einen Messerangriff tödlich verletzt. Kohn erlag wenig später den Folgen der Tat.[i]

Nach den bislang bekannten Überlieferungen erkannte Christiane Ender den Täter und benannte ihn gegenüber den Ermittlungsbehörden.[ii] In einer Zeit, in der öffentliche Stellungnahmen zu nationalsozialistisch motivierten Gewalttaten mit persönlichen Risiken verbunden sein konnten, kam ihrer Aussage besondere Bedeutung für die Aufklärung des Tatgeschehens zu.

Die weiteren Ereignisse nach dem Mord sind vor allem durch familiäre Überlieferungen bekannt. Danach wurden kurze Zeit später in Christiane Enders Wohnung im Steinweg die Gashähne geöffnet. Sie wertete diesen Vorfall als gezielten Einschüchterungs- oder Mordversuch im Zusammenhang mit ihrer Zeugenaussage.  

Nach familiärer Überlieferung verließ Christiane Ender daraufhin Coburg und flüchtete zu ihrer Schwester Wilhelmine nach Zwickau. Unabhängig von den genauen Umständen verdeutlicht ihr Fall die Unsicherheit und den Druck, denen Personen ausgesetzt sein konnten, die im nationalsozialistischen Deutschland als Zeugen antisemitischer Gewalttaten in Erscheinung traten. Der mutmaßliche Täter hingegen blieb von einer Strafverfolgung verschont.

Christiane Ender wurde nicht aufgrund ihrer Herkunft verfolgt, sondern weil sie sich nicht einschüchtern ließ und als Zeugin gegen einen Täter aussagte. Damit gehört sie zu jener kleinen Gruppe von Menschen, die im nationalsozialistischen Deutschland Zivilcourage zeigten und dafür selbst in Gefahr gerieten.

Währenddessen wurde die Familie Kohn getötet. Nach der Ermordung ihres Mannes musste Hermine Kohn (Öffnet in einem neuen Tab) das Geschäft auflösen. Sie wurde 1942 deportiert und ermordet.[iii] Tochter Ilse (Öffnet in einem neuen Tab) war bereits 1934 in die Niederlande geflohen, wurde nach der deutschen Besetzung verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort ebenfalls ermordet.[iv] 

Nachkriegsjahre

Christiane Ender überlebte die Zeit des Nationalsozialismus. Ihr weiteres Leben war von familiären Verlusten geprägt. 1940 fiel ihr Sohn Paul im Alter von nur 30 Jahren im 2. Weltkrieg. In den Nachkriegsjahren lebte sie zeitweise in Dinkelsbühl und später in Wilburgstetten. Sie gehörte der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage an. 

Am 30. Dezember 1970 starb Christiane Margarethe Ender im Alter von 87 Jahren. 

Erinnerung

Im November 2023 wurde vor ihrem letzten freiwillig gewählten Wohnort in Coburg ein Stolperstein verlegt.[i] Damit erinnert die Stadt an eine Frau, die den Mut hatte, die Wahrheit auszusprechen, als Schweigen lebensrettender gewesen wäre. Ihre Geschichte ist eng mit dem Schicksal der Familie Kohn verbunden und steht beispielhaft für Zivilcourage in einer Zeit von Verfolgung, Gewalt und Terrors.

Quellen- und Literaturverzeichnis

[1]     Die folgenden Informationen über das Leben Christiane Margarethe Enders stammen aus der familiären Überlieferung und Dokumenten. Für die Bereitstellung der Daten bedanken wir uns sehr herzlich bei Christiane Jakob, der Enkeltochter Christiane Enders.

[2]     Vgl. Eva Karl, „Coburg voran!“ Mechanismen der Macht – Herrschen und Leben in der "ersten nationalsozialistischen Stadt Deutschlands", Regensburg 2025.

[3]     Hubert Fromm, Die Coburger Juden. Geschichte und Schicksal, Coburg  ²2001, S. 68-76.

[4]     RGBl, I 1935, S. 1146f.

[5]     Stadtarchiv Coburg, Einwohnerkartei, Kohn, Siegfried und Hermine.

[6]     Fromm, Coburger Juden ²2001, S. 63, 65f.; Siehe auch: auch: Karl, Coburg voran! S. 548.

[7]     Coburger National-Zeitung vom 31. März 1933.

[8]     Stadtarchiv Coburg, A 10356, fol. 18; Siehe auch: Bayerische Ostmark vom 21.10.1938.

[9]     Zitiert nach "Bayerische Ostmark" vom 21.10.1938; Siehe auch: Stadtarchiv Coburg: Todesbucheintrag Siegfried Kohn vom 22. Oktober 1938 (Nr.382).

[10]    Staatsarchiv Coburg, SpkCo-St, K 295; Siehe auch: Mitteilung von Frau Christine Jakob an die Stadt Coburg, Hamburg, 21.03.2021; Siehe auch: Karl: „Coburg voran!“, S.563f.

[11]    Fromm, Coburger Juden, S. 133.

[12]    Straßennamen: Ilse-Kohn-Platz (https://www.coburg.de/coburg-erleben/stadt-und-stadtgeschichte/strassennamen/inhaltsseiten/Ilse-Kohn-Platz.php (Öffnet in einem neuen Tab)), aufgerufen am 26.06.2026.

[13]    Coburger Tageblatt vom 24.11.2023. 

Patenschaft

Die Patenschaft über den Stolperstein von Christiane Margarethe Ender hat Christine Jakob übernommen.