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Biographie
Elisabeth Nebl kam am 10. Oktober 1913 in Coburg zur Welt.[1] Ihr Vater Johann Nebl wurde am 29. Februar 1892 in Iggensbach in Niederbayern geboren und arbeitete als Bürstenmacher. Ihre Mutter Minna Nebl, geborene Blauhöfer, stammte aus Oberlind und war gelernte Näherin.[2] Die Eltern heirateten im Oktober 1914.[3] Elisabeth wuchs mit drei jüngeren Geschwistern, zwei Brüdern und einer Schwester, auf.[4] In den Coburger Adressbüchern erscheint der Familienname teilweise in der abweichenden Schreibweise „Nebel“. Die Einwohnermeldekartei und der Stolperstein führen dagegen die Form „Nebl“.
Kindheit und Jugend in Coburg
Die Familie lebte zunächst im Haus Brauhof 1. Im November 1927 wurde Elisabeth am Gemüsemarkt 4 gemeldet.[5] Diese Adresse entwickelte sich zum dauerhaften Mittelpunkt der Familie. Johann Nebl betrieb später zusätzlich eine Bürstenmacherwerkstatt beziehungsweise ein Geschäft in der Webergasse 19.[6] Die Familie gehörte damit zum handwerklich geprägten Teil der Coburger Bevölkerung. Zeitgenössische beziehungsweise später ausgewertete Unterlagen beschreiben Elisabeth als gute Schülerin und das Elternhaus als geordnet. Über ihre Schulzeit und ihre persönlichen Interessen sind bislang jedoch keine näheren Angaben bekannt.
Nach ihrer Jugendzeit wechselte Elisabeth mehrfach den Wohnort. Zwischen April und Mai 1928 hielt sie sich in Sonneberg auf. Von Juli 1928 bis April 1930 wohnte sie in der Rosenauer Straße 3, anschließend vorübergehend im Heckenweg 4 und danach bis September 1933 in Neuses bei Coburg.[7] Diese Aufenthalte könnten teilweise mit ihrer Beschäftigung als Hausgehilfin zusammengehangen haben. Ein unmittelbarer Nachweis für jeden einzelnen Wohnort liegt jedoch nicht vor. Wiederholt kehrte sie in die elterliche Wohnung am Gemüsemarkt 4 zurück.
Arbeit und Aufenthalt in den Niederlanden
Elisabeth Nebl arbeitete zunächst in Deutschland als Hausgehilfin. Am 25. Januar 1934 verließ sie Coburg und zog nach Den Haag. Auch in den Niederlanden war sie als Haushaltshilfe tätig.[8] Der Schritt nach Den Haag zeigt, dass die damals 20-Jährige in der Lage war, außerhalb ihres Elternhauses zu leben und einer Beschäftigung nachzugehen.
Während ihres Aufenthalts in den Niederlanden traten psychische Beschwerden auf. In den späteren medizinischen Unterlagen wurden diese unter anderem mit der zeittypischen und stigmatisierenden Formulierung „Beeinflussungen und Sensationen sexueller Art“ beschrieben.[9] Eine solche Aktenformulierung gibt weniger einen verlässlichen Einblick in Elisabeths persönliches Erleben als vielmehr in die damalige psychiatrische Wahrnehmung und Sprache. Aufgrund ihres Zustands kehrte sie am 8. Mai 1935 nach Coburg zurück.[10]
Psychiatrische Behandlung und Zwangssterilisation
Nach der Rückkehr nach Deutschland kam Elisabeth Nebl in psychiatrische Behandlung. In den Unterlagen finden sich unterschiedliche Angaben zum Beginn ihres Aufenthalts in Kutzenberg: Die Sekundärliteratur setzt die Aufnahme bereits im Jahr 1935 an, während die Einwohnermeldekartei die Heil- und Pflegeanstalt erst ab dem 16. Mai 1936 als Wohnort verzeichnet.[11] Möglicherweise spiegeln die Angaben unterschiedliche Zeitpunkte der medizinischen Aufnahme und der melderechtlichen Registrierung wider. Eine abschließende Klärung ist anhand der bislang vorliegenden Quellen nicht möglich.
Bei Elisabeth wurden „Schizophrenie“ und depressive Zustände diagnostiziert.[12] Diese Diagnose hatte im nationalsozialistischen Staat weitreichende Folgen. Das im Juli 1933 verabschiedete und zum 1. Januar 1934 in Kraft getretene „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ führte Schizophrenie ausdrücklich als vermeintliche „Erbkrankheit“ auf.[13] Neu geschaffene Erbgesundheitsgerichte konnten auf dieser Grundlage operative Unfruchtbarmachungen auch gegen den Willen der Betroffenen anordnen.
Auch für Elisabeth Nebl wurde ein Antrag auf „Unfruchtbarmachung“ gestellt. Die daraufhin veranlassten polizeilichen Ermittlungen ergaben keine nachweisbare erbliche Vorbelastung innerhalb ihrer Familie. Dennoch wurde die Operation beschlossen. Die Akten vermerken außerdem eine Zustimmung ihrer Eltern. Dies ändert nichts daran, dass Elisabeth selbst durch ein staatlich organisiertes Zwangsverfahren dauerhaft ihrer körperlichen Selbstbestimmung und der Möglichkeit einer späteren Familiengründung beraubt wurde. Im März 1936 wurde die Sterilisation durchgeführt.[14]
Aufenthalte in Kutzenberg
Vom 16. Mai 1936 bis zum 18. August 1937 war Elisabeth Nebl melderechtlich in der Heil- und Pflegeanstalt Kutzenberg registriert. Danach durfte sie für mehrere Monate in die elterliche Wohnung am Gemüsemarkt 4 zurückkehren. Am 3. Mai 1938 wurde sie erneut nach Kutzenberg gebracht. Von diesem Zeitpunkt an blieb sie dauerhaft in der Anstalt.[15]
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs entwickelte das NS-Regime die bereits zuvor betriebene Ausgrenzung und Zwangssterilisation psychisch kranker und behinderter Menschen zu einem zentral organisierten Mordprogramm weiter. Ärztliche Gutachter entschieden anhand von Meldebögen und Krankenakten über Leben und Tod. Im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ wurden etwa 70.000 Menschen in sechs zentralen Tötungsanstalten ermordet.[16] Zu diesen Einrichtungen gehörte Schloss Hartheim bei Linz.
Verlegung und Ermordung
Wenige Tage vor dem Abtransport besuchte Minna Nebl ihre Tochter in Kutzenberg. Nach ihrer späteren Aussage hatte sich Elisabeths Zustand nicht auffällig verändert. Sie litt insbesondere nicht an einer körperlichen Erkrankung, die ihren kurz darauf behaupteten Tod hätte erklären können. Elisabeth selbst war wegen der angekündigten Verlegung beunruhigt. Auch ihre Mutter machte sich Sorgen, konnte den bevorstehenden Transport jedoch nicht verhindern.[17]
Am 26. November 1940 wurden insgesamt 130 Patientinnen und Patienten aus Kutzenberg abtransportiert, darunter 49 Männer und 81 Frauen. 20 der Verschleppten stammten aus dem Coburger Land, elf unmittelbar aus Coburg. Elisabeth Nebl gehörte zu dieser Transportgruppe. Mindestens 16 der aus der Coburger Region stammenden Menschen wurden über die Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart bei Linz in die Tötungsanstalt Hartheim gebracht. Niedernhart diente dabei als Zwischenstation und zugleich der Verschleierung des tatsächlichen Ziels.[18]
Schloss Hartheim war seit dem Frühjahr 1940 eine der zentralen Tötungsanstalten der „Aktion T4“. Nach ihrer Ankunft mussten sich die Opfer entkleiden und wurden anschließend in eine als Duschraum getarnte Gaskammer geführt. Dort ermordete das Personal sie mit Kohlenmonoxid. Ihre Leichen wurden verbrannt. Urnen mit angeblicher Asche wurden teilweise an die Angehörigen versandt. In der sogenannten Hartheimer Statistik sind für die erste Phase des Mordprogramms 18.269 in Hartheim getötete Menschen verzeichnet.[19]
Wann Elisabeth Nebl tatsächlich ermordet wurde, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Für die 16 aus dem Coburger Land stammenden Opfer wurden amtliche Todesdaten am 6., 7., 9. oder 11. Dezember 1940 angegeben.[20] Solche nachträglich festgelegten Daten dienten der Tarnung und mussten nicht mit dem wirklichen Todestag übereinstimmen. Es ist davon auszugehen, dass Elisabeth nach ihrer Weiterverlegung nach Hartheim in der Gaskammer ermordet wurde.
Gegenüber der Familie behaupteten die Verantwortlichen, Elisabeth sei an einem „Oberlippenfurunkel“ gestorben. Ihre Mutter zweifelte diese Todesursache an: Bei ihrem letzten Besuch habe Elisabeth keinerlei entsprechende Erkrankung gezeigt. Verdächtig erschien ihr außerdem, dass mehrere gemeinsam aus Kutzenberg abtransportierte Menschen angeblich innerhalb kürzester Zeit beziehungsweise am selben Tag in Hartheim verstorben waren.[21] Die fingierte Diagnose, das möglicherweise manipulierte Todesdatum und die bürokratische Benachrichtigung der Familie waren Bestandteile eines umfassenden Systems zur Verschleierung des Massenmordes.
Im Mai 1950 sagte Minna Nebl im Rahmen staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen über den letzten Besuch bei ihrer Tochter und die späteren Todesnachrichten aus. Ihre Aussage gehört zu den wenigen überlieferten Stimmen, die Elisabeth Nebl nicht nur als Patientin einer Anstalt erscheinen lassen, sondern als Tochter, deren Mutter sie besuchte, um deren Schicksal sie sich sorgte und deren angeblich natürlicher Tod sie nicht glaubte.
Erinnerung
Seit dem 26. November 2010 erinnert vor dem Haus Gemüsemarkt 4 ein Stolperstein an Elisabeth Nebl.[22] Er kennzeichnet den Ort, an dem sie mit ihrer Familie lebte und zu dem sie zwischen ihren Aufenthalten in Kutzenberg zurückkehrte. Der Stein erinnert zugleich an zwei aufeinanderfolgende Formen nationalsozialistischer Gewalt: zunächst an die 1936 durchgeführte Zwangssterilisation und anschließend an ihre Ermordung im Rahmen der „Aktion T4“.
Elisabeth Nebl wurde nicht wegen einer von ihr begangenen Handlung verfolgt. Sie geriet in die Gewalt des NS-Staates, weil Ärzte und Behörden sie aufgrund einer psychiatrischen Diagnose als angeblich „erbkrank“ und schließlich als nicht mehr lebenswert einstuften. Ihr Lebensweg steht damit für die systematische Entrechtung, Aussonderung und Ermordung psychisch kranker und behinderter Menschen während des Nationalsozialismus.
Quellen- und Literaturverzeichnis
[1] Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei, Nebl, Elisabeth.
[2] Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei, Nebl, Johann und Minna, geborene Blauhöfer.
[3] Regierungsblatt für das Herzogtum Coburg vom 16.10.1914, S. 450.
[4] Regierungsblatt für das Herzogtum Coburg vom 13.12.1913, S. 541; Regierungsblatt für das Herzogtum Coburg vom 25.08.1917, S. 644; Regierungsblatt für das Herzogtum Coburg vom 05.11.1919, S. 708.
[5] Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei, Nebl, Elisabeth.
[6] Adressbuch der Stadt Coburg, Ausgabe 1934, Coburg 1934, S. 110.
[7] Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei, Nebl, Elisabeth.
[8] Ebd.; Eva Karl, „Coburg voran!“ Mechanismen der Macht – Herrschen und Leben in der „ersten nationalsozialistischen Stadt Deutschlands“, Regensburg 2025, S. 738.
[9] Karl, „Coburg voran!“, S. 738.
[10] Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei, Nebl, Elisabeth.
[11] Ebd.; Karl, „Coburg voran!“, S. 738.
[12] Karl, „Coburg voran!“, S. 738.
[13] RGBl. 1933 I, S. 529.
[14] Karl, „Coburg voran!“, S. 738.
[15] Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei, Nebl, Elisabeth.
[16] Vgl. Hans-Walter Schmuhl, Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Von der Verhütung zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“, 1890–1945, Göttingen 1987; Bundesarchiv, „Euthanasie im Dritten Reich“, Abschnitt „Einführende Informationen“, zuletzt abgerufen am 31. Juli 2026. Das Bundesarchiv nennt rund 70.000 Ermordete in den sechs zentralen Tötungsanstalten und bestätigt die Entscheidung der ärztlichen Gutachter auf Grundlage der nach Berlin übermittelten Patientenunterlagen.
[17] Rainer Axmann, „… er ist hier gut angekommen.“ Die Geschichte 60 Ermordeter aus dem Coburger Land als Opfer des sogenannten „Euthanasie-Programmes“ aus der Heil- und Pflegeanstalt Kutzenberg, in: Jahrbuch der Coburger Landesstiftung 39 (1994), S. 159.
[18] Axmann, „… er ist hier gut angekommen.“, S. 155, 157-159.
[19] Vgl. Brigitte Kepplinger/Gerhart Marckhgott/Hartmut Reese (Hrsg.): Tötungsanstalt Hartheim, 3., erweiterte Auflage, Linz 2013; Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim: „Tötungsanstalt 1940–1944“, „Gedenkstätte“, „Gedenktafeln und Friedhof“ sowie „Denkmäler rund um das Schloss“, online, abgerufen am 31. Juli 2026; Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes: „Die Aktion T4 – Schloss Hartheim“, online, abgerufen am 31. Juli 2026. Nach der sogenannten „Hartheimer Statistik“ wurden während der zentral organisierten Phase der „Aktion T4“ 18.269 Menschen in Hartheim durch Kohlenmonoxid ermordet.
[20] Axmann, „… er ist hier gut angekommen.“, S. 155, 157-159.
[21] Karl, „Coburg voran!“, S. 738f.; Axmann, „… er ist hier gut angekommen.“, S. 159.
[22] Neue Presse Coburg vom 27.11.2010.
Patenschaft
Die Patenschaft über den Stolperstein von Elisabeth Nebl hat der Gemeinnützige Werkstätten für angepasste Arbeit des Diakonischen Werkes Coburg e. V. übernommen.
