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Biographie
Der aus Neugersdorf im Lausitzer Bergland stammende Friedrich Schneider erlernte das Tischlerhandwerk und zog 1903 von Dresden nach Coburg.[1] Am 6. Mai 1906[2] heiratete er die aus Untersiemau stammende Anna Morgenroth (geboren am 3. September 1878[3]). Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor: Alfred Karl Friedrich (geboren am 26. Februar 1907) [4], Frieda Ida (geboren am 29. März 1910)[5], Felix Louis Walter (geboren am 18. Juni 1911) [6] sowie Anna Paula Grete (geboren am 17. Februar 1916).[7] Eine eigene Tischlerei besaß Schneider nicht.
Während des Ersten Weltkriegs (1914-18) diente Schneider als Soldat im deutschen Heer und geriet in Kriegsgefangenschaft.[8] Nach seiner Rückkehr engagierte er sich in der Vereinigung heimgekehrter Kriegsgefangener, Ortsgruppe Coburg, sowie im Hilfsausschuss für heimgekehrte Kriegsgefangene beim Magistrat der Stadt Coburg.[9] Nach dem Krieg war er nicht mehr als Tischler tätig. Möglicherweise stand dies im Zusammenhang mit einer während des Krieges erlittenen Verletzung. Die Quellenlage lässt jedoch keine eindeutige Aussage über die Gründe seines Berufswechsels zu. Stattdessen arbeitete er zunächst als Bote bei einer Krankenkasse.[10] Bereits im Mai 1919 wurde er zum Krankenkassenbeamten ernannt.[11]
Politische Tätigkeit
Mit Kriegsende begann Schneiders politische Tätigkeit. Im Juli 1919 übernahm er den Vorsitz über die Coburger Ortsgruppe der SPD.[12] Ab Dezember 1924 saß er als Mitglied der SPD-Fraktion im Coburger Stadtrat.[13] Zugleich gewann der Völkische Block, in dem sich Anhänger der damals verbotenen NSDAP sammelten, vier Sitze im Stadtrat. Diese Mandate entfielen auf Franz Schwede, Ernst Bernhardt, Georg Linke und Gustav Neutsch. Nach der Wiederzulassung der NSDAP im Jahr 1925 bildeten Schwede, Bernhardt und Linke die nationalsozialistische „Dreimannfraktion“ im Coburger Stadtrat.[14] Das Wahlergebnis von 1924 verweist darauf, dass völkisch-nationalistische Positionen in Coburg bereits früh auf beachtliche Zustimmung stießen, während SPD und DDP zusammen nur 10 der 25 Sitze errangen.[15]
Mit Meyers Eintritt in den Stadtrat fiel seine politische Tätigkeit in eine Phase wachsender kommunalpolitischer Polarisierung. In den folgenden Jahren gewann die NSDAP in Coburg weiter an Einfluss. Im Zusammenhang mit dem Konflikt zwischen dem Coburger NS-Führer Franz Schwede und dem jüdischen Generaldirektor der Fleischwarenfabrik Abraham Friedmann kam es im Juni 1929 zu einer vorzeitigen Neuwahl des Stadtrats. Bei dieser Wahl errang die NSDAP die absolute Mehrheit der Sitze.[16] Die SPD erhielt sieben von 25 Mandaten. Auch Friedrich Schneider zog erneut in den Stadtrat ein.[17]
Für Schneider bedeutete dies, seine kommunalpolitische Arbeit in einem Umfeld fortzusetzen, das zunehmend von der Stärke und dem Selbstbewusstsein der Nationalsozialisten geprägt war. Innerhalb des Stadtrats gehörte die SPD zu den wichtigsten Kräften, die der NSDAP entgegentraten.[18] Die politischen Auseinandersetzungen wurden schärfer geführt, während sich zugleich die Handlungsspielräume der republiktreuen Kräfte verengten. Dazu trugen nicht nur die Präsenz und Mobilisierungsfähigkeit der Nationalsozialisten bei, sondern auch die wirtschaftlichen und politischen Krisenerfahrungen der späten Weimarer Republik, die sich auf lokaler Ebene deutlich bemerkbar machten.[19]
Vor diesem Hintergrund lässt sich Schneiders Tätigkeit im Stadtrat als Teil der sozialdemokratischen Abwehr gegen die zunehmende Radikalisierung der Coburger Kommunalpolitik verstehen. Seine politische Laufbahn verweist damit exemplarisch auf die schwierige Lage sozialdemokratischer Kommunalpolitiker in Städten, in denen die NSDAP bereits vor 1933 eine starke Stellung gewann.
Schneider selbst zog ebenfalls den Zorn der Rechten auf sich. Im Jahr 1925 hatte die Coburger Ortsgruppe des Wiking-Bundes in einer hiesigen Druckerei eine Instruktionsschrift herstellen lassen. Von dieser Schrift soll der in dem Betrieb beschäftigte Sohn Schneiders, ein Exemplar gestohlen und dieses seinem Vater übergeben haben. Friedrich Schneider wurde beschuldigt, seinen Sohn dazu angestiftet zu haben. Die Angelegenheit kam schließlich vor Gericht. In diesem Verfahren vor dem Coburger Amtsgericht wurde Schneider freigesprochen. Sein Sohn erhielt eine Gefängnisstrafe von drei Tagen und eine Geldstrafe in Höhe von neun Mark.[20]
Schutzhaft und NS-Zeit
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme im Januar 1933 veränderten sich auch in Coburg die politischen und polizeilichen Machtverhältnisse rasch. Auf der Grundlage der Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933 wurde die sogenannte „Schutzhaft“[21] zu einem zentralen Mittel gegen politische Gegner.[22] Auch in Coburg entstanden in diesem Zusammenhang Orte der Misshandlung und Einschüchterung. Dazu gehörte die sogenannte „Prügelstube“ im Gebäude der Stadtpolizei in der Rosengasse, in der politische Gegner und jüdische Bürger misshandelt wurden.[23]
Vor diesem Hintergrund wurde auch der Sozialdemokrat Friedrich Schneider am 11. März 1933 festgenommen.[24] Über das, was danach geschah, sagte Schneider etwa 20 Jahre später vor der Polizei folgendes aus:
„Ich wurde im März 1933 in meiner Wohnung von SS-Leuten verhaftet und in das Rathaus verbracht. Ich wurde kurz darauf in die sog. Folterkammer in einen oberen Raum verbracht zu einem angeblichen Verhör. Man legte mir zur Last, jemanden gestochen zu haben. Als man mich aufforderte, mich zu bücken und ich dieser Aufforderung nicht nachkam, sprang mir ein SS-Mann in den Nacken und […] andere SS-Leute schlugen auf mich ein. […] Der Beschuldigte Rittweger war bei dem sog. Verhör und hat mich zusammen mit einem gewissen Arnold, der später Gefängnisaufseher wurde, vernommen. Rittweger erklärte nach der Vernehmung: „Führt ihn hinaus, er wird dann schon gestehen!“ Daraufhin folgte die Mißhandlung. Am gleichen Tage wurde ich nach einer Pause von etwa 1 Stunde nochmals in gleicher Weise mißhandelt. […] Am gleichen Tage wurde ich nachmittags nochmals mißhandelt, hierauf im Rathaus unter dem Vorsitz des damaligen Bürgermeisters Schwede einem Verhör unterzogen und dann abends zum 4. Male mißhandelt. Diese Mißhandlung war derart, daß ich am Boden liegen blieb. Ich wurde dann gegen nachts um 12 Uhr mit einem Auto in die Jugendherberge Brauhof verbracht. Dort erfolgten keine Mißhandlungen. […] Ich war etwa 14 Tage im Brauhof und wurde dann entlassen. Zu Hause habe ich mich dann gesäubert und musste in Gegenwart meiner beiden Söhne feststellen, daß ich noch am ganzen Körper blau und schwarz und blutunterlaufene Stellen hatte.“[25]
Später ergänzte Schneider dazu:
„Es waren damals 6 oder 8 SS-Leute in diesem Raum und es hat von ihnen jeder auf mich eingeschlagen. Zum Schlagen benützten sie sog. Ochsenziehner (Lederpeitschen).“[26]
Die Verfolgung hatte für Schneider nicht nur persönliche, sondern auch wirtschaftliche Folgen. Nach seiner Entlassung aus der Haft verlor er seine Stellung bei der Krankenkasse. Fortan musste er wieder als Tischler arbeiten.[27] Spätestens seit 1937 lebte er als Rentner in seinem Haus im Baumschulenweg, das er bereits seit 1925 bewohnte.[28] Im Zuge der nationalsozialistischen Gleichschaltung der Kommunalvertretungen wurde der Coburger Stadtrat 1933 auf Grundlage des Reichstagswahlergebnisses vom März neu zusammengesetzt.[29] Dadurch verlor Schneider bereits vor dem reichsweiten Verbot der SPD am 22. Juni 1933 sein Stadtratsmandat. Damit endete seine kommunalpolitische Tätigkeit.[30]
Tod
Friedrich Schneider starb am 16. Mai 1963 im Alter von 80 Jahren in Coburg.[31] Vor seinem Wohnhaus erinnert seit 2013 ein Stolperstein an sein Schicksal während der NS-Zeit.[32]
Quellen- und Literaturverzeichnis
[1] Stadtarchiv Coburg, Einwohnerkartei, Friedrich Schneider.
[2] Coburger Zeitung vom 06.05.1906.
[3] Stadtarchiv Coburg, Einwohnerkartei, Schneider, Friedrich und Anna.
[4] Regierungs-Blatt für das Herzogtum Coburg vom 08.06.1907, S. 214.
[5] Regierungs-Blatt für das Herzogtum Coburg vom 18.05.1910, S. 190; Coburger Zeitung vom 07.04.1910.
[6] Regierungs-Blatt für das Herzogtum Coburg vom 19.08.1911, S. 338.
[7] Regierungs-Blatt für das Herzogtum Coburg vom 04.03.1916, S. 172.
[8] Coburger Zeitung vom 03.12.1919.
[9] Ebd.
[10] Coburger Zeitung vom 22.03.1919.
[11] Coburger Zeitung vom 08.05.1919.
[12] Eva Karl, „Coburg voran!“ Mechanismen der Macht – Herrschen und Leben in der „ersten nationalsozialistischen Stadt Deutschlands“, Regensburg 2025, S. 133.
[13] Coburger Zeitung vom 15.12.1924.
[14] Joachim Albrecht, Die Avantgarde des „Dritten Reiches“. Die Coburger NSDAP während der Weimarer Republik 1922-1933. Frankfurt/Main 2005. (= Europäische Hochschulschriften. Reihe II. Geschichte und ihre Hilfswissenschaften. Band 1008). S. 95; Steffen Popp, Coburgs Weg in den Nationalsozialismus 1919-1931: Die Etablierung des völkischen Antisemitismus und der Aufstieg der NSDAP. Offenbach am Main o. J. (https://www.complifiction.net/wp-content/uploads/2012/03/Coburgs-Weg-ins-Dritte-Reich.pdf (Öffnet in einem neuen Tab) Stand: 06. Januar 2010). S. 27, 30.
[15] Ludwig Asmalsky, Der Nationalsozialismus und die NSDAP in Coburg 1922-1933. Unveröffentlichte Zulassungsarbeit zur Prüfung für das Lehramt an den Gymnasien in Bayern an der Universität Würzburg. Würzburg 1969. S. 41.
[16] Coburger Zeitung vom 24.06.1929.
[17] Ebd.
[18] Coburger Zeitung vom 08.01.1927; Karl, Coburg voran!, S. 138.
[19] Karl, Coburg voran!, S. 138.
[20] Coburger Zeitung vom 13.06.1925.
[21] Gerhard Altmann, Die „Schutzhaft“, in: Lebendiges Museum Online (https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/etablierung/schutzhaft (Öffnet in einem neuen Tab)), aufgerufen am 26.02.2026.
[22] RGBl. 1933 I, S. 83.
[23] Hubert Fromm, Die Coburger Juden. Geschichte und Schicksal, Coburg ²2001, S. 60-68.
[24] Stolperstein für Friedrich Schneider, Baumschulenweg 9, in: Digitales Stadtgedächtnis (https://www.stadtgeschichte-coburg.de/blog/2013/07/18/stolperstein-fuer-friedrich-schneider-baumschulenweg-9/ (Öffnet in einem neuen Tab)), aufgerufen am 12.06.2026.
[25] Staatsarchiv Coburg, Staatsanwaltschaft 900, Bl. 55f.
[26] Ebd.
[27] Adressbuch der Stadt Coburg, Ausgabe 1934, Coburg 1934, S. 11.
[28] Adressbuch der Stadt Coburg, Ausgabe 1937, Coburg 1937, S. 159; Stadtarchiv Coburg, Einwohnerkartei, Schneider, Friedrich und Anna.
[29] Karl, Coburg voran!, S. 304.
[30] Coburger Zeitung vom 23.06.1933.
[31] Stadtarchiv Coburg, Einwohnerkartei, Friedrich Schneider.
[32] Neue Presse Coburg vom 16.07.2013.
Patenschaft
Die Patenschaft über seinen Stein hat Roland Dicker übernommen.
