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Biographie
Georg Alexander Hansen wurde am 5. Juli 1904 in Sonnefeld geboren und am 8. September 1944 im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet. Als Oberst im Generalstab der Wehrmacht und Angehöriger des militärischen Nachrichtendienstes gehörte er zu den Beteiligten des militärischen Widerstands gegen Adolf Hitler. Lange Zeit stand Hansen im Schatten bekannterer Persönlichkeiten des 20. Juli 1944 wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg oder Henning von Tresckow. Neuere Forschungen – insbesondere die Biografie der Historikerin Franziska Bartl – zeigen jedoch, dass Hansen innerhalb des Widerstands eine wesentlich bedeutendere Rolle spielte als lange angenommen.[1]
Bartl bezeichnet Hansen als „vergessenen Verschwörer“ und hebt hervor, dass er innerhalb der militärischen Opposition nicht nur Mitwisser, sondern Organisator, Verbindungsmann und politischer Mitgestalter gewesen sei.[2] Sein Lebensweg verdeutlicht zugleich, wie sich konservative Offiziere schrittweise vom Nationalsozialismus distanzierten und schließlich bereit waren, ihr Leben für den Sturz des Regimes zu riskieren.
Kindheit und Jugend im Coburger Land
Georg Alexander Hansen wurde in Sonnefeld im Coburger Land geboren. Sein Vater Theodor Hansen war herzoglicher Oberforstmeister und gehörte zum gehobenen bürgerlichen Beamtentum.[3] Die Familie zog 1913 nach Mönchröden, wo Hansen den größten Teil seiner Kindheit verbrachte.
Von 1914 bis 1923 besuchte Hansen das Gymnasium Casimirianum in Coburg.[4] Die Jahre seiner Schulzeit fielen in eine Zeit tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Umbrüche: Er erlebte den Ersten Weltkrieg, die Niederlage des Deutschen Reiches und die Krisenjahre der frühen Weimarer Republik als Jugendlicher mit. Wie viele Angehörige seiner Generation prägten ihn die Erfahrungen von Krieg, nationaler Demütigung und politischer Unsicherheit nachhaltig.[5]
Am Casimirianum lernte Hansen auch Irene Stölzel kennen, die später seine Ehefrau wurde. Die beiden heirateten 1931. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor.[6]
Nach dem Abitur begann Hansen zunächst ein Studium der Rechtswissenschaft in Erlangen. Bereits nach kurzer Zeit entschied er sich jedoch gegen eine zivile Laufbahn und trat 1924 in die Reichswehr ein.[7]
Militärische Laufbahn und Aufstieg im Nachrichtendienst
Hansen schlug eine klassische Offizierskarriere ein. In den Jahren der Weimarer Republik galt die Reichswehr als elitärer, stark konservativ geprägter Verband mit hohem Selbstverständnis. Politische Parteien wurden innerhalb des Offizierskorps häufig skeptisch betrachtet; viele Offiziere empfanden die parlamentarische Demokratie als schwach und instabil.[8]
1935 wurde Hansen zur Generalstabsausbildung an die Kriegsakademie nach Berlin versetzt. Dort begegnete er Ludwig Beck, dem späteren Generaloberst und führenden Kopf des militärischen Widerstands gegen Hitler.[9] Becks Kritik an Hitlers außenpolitischem Kurs und dessen zunehmende Distanz zum Nationalsozialismus beeinflussten Hansen nachhaltig.
Nach Abschluss der Ausbildung wurde Hansen verschiedenen Generalstabs- und Nachrichtendienststellen zugeteilt. Besonders wichtig wurde seine Tätigkeit innerhalb des militärischen Geheimdienstes, der sogenannten Abwehr. Dort arbeitete er zunächst in der Abteilung „Fremde Heere Ost“ und später unter Admiral Canaris.[10]
Die Abwehr entwickelte sich in den späten 1930er Jahren zu einem Zentrum oppositioneller Kontakte innerhalb der Wehrmacht. Unter Canaris und Hans Oster entstand ein Netzwerk von Offizieren, Diplomaten und Beamten, die Hitlers Politik zunehmend ablehnten.[11] Hansen erhielt durch seine Tätigkeit Einblick in außenpolitische Vorgänge, militärische Planungen und Verbrechen des Regimes. Diese Erfahrungen trugen entscheidend dazu bei, dass sich seine Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus wandelte.
Die Entwicklung zum Gegner des Regimes
Franziska Bartl betont in ihrer Biografie, dass Hansen keineswegs von Beginn an überzeugter Gegner Hitlers gewesen sei.[12] Vielmehr habe er zunächst – wie zahlreiche konservative Offiziere – Hoffnungen mit der nationalen Wiedererstarkung Deutschlands verbunden. Erst nach und nach entfernte er sich innerlich vom Regime.
Ausschlaggebend waren mehrere Entwicklungen: die aggressive Expansionspolitik Hitlers, die Entmachtung traditioneller militärischer Eliten, die zunehmende Gewaltpolitik des NS-Staates sowie die Erkenntnis, dass Hitler Deutschland in einen katastrophalen Krieg führte.[13]
Bereits während der Sudetenkrise 1938 war Hansen in oppositionelle Gespräche eingeweiht. Innerhalb der Wehrmacht existierten damals erste konkrete Umsturzpläne gegen Hitler, falls dieser einen europäischen Krieg auslösen sollte.[14] Zwar wurden diese Pläne nach dem Münchner Abkommen zunächst aufgegeben, doch Hansen blieb mit den oppositionellen Kreisen verbunden.
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs verschärfte sich die Lage weiter. Besonders der Krieg gegen die Sowjetunion und die Kenntnis nationalsozialistischer Verbrechen ließen viele Angehörige des Widerstands erkennen, dass ein Sturz Hitlers aus ihrer Sicht notwendig geworden war.[15]
Hansen als Figur des Widerstands
Seit Anfang der 1940er Jahre nahm Hansen innerhalb des militärischen Widerstands eine immer wichtigere Rolle ein. Bartl beschreibt ihn als eine Art organisatorisches Zentrum des oppositionellen Netzwerks.[16] Durch seine Stellung innerhalb der Abwehr verfügte Hansen über Kontakte ins Ausland, zu militärischen Dienststellen und zu verschiedenen Widerstandskreisen.
Er arbeitete eng mit Persönlichkeiten wie Hans Oster, Wilhelm Canaris, Ludwig Beck, Henning von Tresckow und Claus Schenk Graf von Stauffenberg zusammen.[17] Hansen war dabei weniger der öffentlich sichtbare Anführer als vielmehr ein Verbindungsmann und Koordinator.
1943 übernahm Hansen die Leitung der Abwehrabteilung I, des sogenannten „Geheimen Meldedienstes“.[18] Diese Position verschaffte ihm Zugang zu internationalen Nachrichtenwegen und geheimdienstlichen Informationen. Zugleich befand er sich dadurch in einer äußerst gefährlichen Lage: Einerseits war er hoher Funktionsträger des militärischen Nachrichtendienstes, andererseits arbeitete er aktiv an den Vorbereitungen zum Sturz der Regierung mit.
Nach der Entmachtung von Admiral Canaris Anfang 1944 wurde Hansen vorübergehend Leiter der Abwehr.[19] Kurz darauf gliederte das NS-Regime die Abwehr als „Amt Militär“ in das Reichssicherheitshauptamt der SS ein. Hansen arbeitete damit formal unter der Kontrolle des Sicherheitsapparates, blieb aber weiterhin Teil der Widerstandsbewegung.
Bartl hebt hervor, dass Hansen nicht nur militärisch dachte, sondern sich auch mit politischen Zukunftsfragen beschäftigte.[20] Für den Fall eines erfolgreichen Staatsstreichs sollte er an Verhandlungen mit den Westalliierten beteiligt werden. Ziel war es, nach dem Sturz Hitlers einen Waffenstillstand zu erreichen und weiteres Blutvergießen zu verhindern.
Der 20. Juli 1944 und die Verhaftung
Am 20. Juli 1944 verübte Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ das Attentat auf Adolf Hitler. Obwohl die Bombe explodierte, überlebte Hitler schwer verletzt.[21] Der anschließende Staatsstreichversuch scheiterte innerhalb weniger Stunden.
Hansen hielt sich während des Attentats in Bamberg auf.[22] Nach dem Zusammenbruch des Umsturzversuchs kehrte er nach Berlin zurück, wo er kurz darauf festgenommen wurde.
Die nationalsozialistischen Behörden gingen mit äußerster Härte gegen alle Beteiligten vor. Der Volksgerichtshof unter Roland Freisler führte Schauprozesse gegen die Verschwörer. Hansen wurde am 10. August 1944 zum Tode verurteilt.[23]
Im Gegensatz zu einigen anderen Beteiligten wurde Hansen jedoch nicht unmittelbar hingerichtet. Die Gestapo verhörte ihn über Wochen hinweg weiter, um zusätzliche Informationen über das Widerstandsnetzwerk zu gewinnen.[24]
Hinrichtung und "Sippenhaft"
Am 8. September 1944 wurde Georg Alexander Hansen im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee ermordet.[25] Die Hinrichtungen der Beteiligten des 20. Juli erfolgten besonders grausam. Viele der Verurteilten wurden durch Strangulation getötet.
Auch Hansens Familie blieb von der Verfolgung nicht verschont. Die Nationalsozialisten verhängten sogenannte „Sippenhaft“ gegen Angehörige der Widerstandskämpfer.[26] Seine Ehefrau Irene wurde verhaftet, das Familienvermögen beschlagnahmt. Die fünf Kinder brachte man nach Bad Sachsa im Harz, wo sie unter falschen Namen untergebracht wurden.[27]
Die Verfolgung der Familien sollte nicht nur bestrafen, sondern auch abschreckend wirken. Das Regime wollte verhindern, dass weiterer Widerstand entstand.
Die Zeit nach 1945
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Widerstand des 20. Juli in Deutschland zunächst keineswegs einhellig anerkannt. Viele ehemalige Wehrmachtsangehörige betrachteten die Beteiligten weiterhin als „Verräter“[28]
Auch Hansens Witwe hatte Schwierigkeiten, eine staatliche Versorgung zu erhalten, da ihr Mann von den Nationalsozialisten aus der Wehrmacht ausgeschlossen worden war.[29] Erst nach längeren juristischen Auseinandersetzungen wurde die Familie rehabilitiert.
Die Erinnerung an Georg Alexander Hansen blieb lange Zeit vergleichsweise schwach ausgeprägt. Erst die neuere historische Forschung rückte seine Bedeutung innerhalb des militärischen Widerstands deutlicher ins öffentliche Bewusstsein.[30]
Gedenken in Coburg und der Region
Heute erinnern mehrere Orte an Georg Alexander Hansen. Am Gymnasium Casimirianum in Coburg wurde 2009 ein Stolperstein verlegt.[31] Auch in Sonnefeld, und weiteren Orten existieren Erinnerungszeichen an sein Leben und Wirken.
Die Stadt Coburg würdigt Hansen heute als Persönlichkeit des regionalen Widerstands gegen den Nationalsozialismus.[32] Seine Biografie steht beispielhaft für jene konservativen Offiziere, die sich aus moralischen, politischen und patriotischen Gründen gegen Hitler wandten und dafür ihr Leben verloren.
Quellen- und Literaturverzeichnis
[1] Vgl. Franziska Bartl, Der vergessene Verschwörer. Georg Alexander Hansen und der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Berlin 2019, S. 11ff.
[2] Bartl, Verschwörer, S. 11f.
[3] Bartl, Verschwörer, S. 25.
[4] Bartl, Verschwörer, S. 34-54.
[5] Bartl, Verschwörer, S. 54-76.
[6] Bartl, Verschwörer, S. 25-33.
[7] Georg Alexander Hansen, in: Gedenkstätte Deutscher Widerstand (https://www.gdw-berlin.de/vertiefung/biografien/personenverzeichnis/biografie/view-bio/georg-alexander-hansen/ (Öffnet in einem neuen Tab)), aufgerufen am 22.05.2026).
[8] Bartl, Verschwörer.
[9] Vgl. Hansen, Widerstand.
[10] Winfried Heinemann, Hansen, Georg Alexander, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2022, zuletzt geändert am 06.11.2023, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd130509965.html#dbocontent (Öffnet in einem neuen Tab) (aufgerufen am 22.05.2026).
[11] Vgl. Hansen, Widerstand.
[12] Bartl, S. 11-20.
[13] Bartl, S. 111-170.
[14] Vgl. Hansen, Widerstand.
[15] Bartl, S. 129-170.
[16] Bartl, S. 171–264.
[17] Vgl. Heinemann, Hansen; Hansen, Widerstand.
[18] Hansen, Widerstand.
[19] Vgl. Heinemann, Hansen.
[20] Bartl, Verschwörer, S. 171–264.
[21] Vgl. Hansen, Widerstand.
[22] Vgl. Heinemann, Hansen.
[23] Hansen, Widerstand; Bartl, S. 171–264.
[24] Bartl, Verschwörer, S. 171–264.
[25] Georg Alexander Hansen, in: Gedenkstätte Plötzensee (https://www.gedenkstaette-ploetzensee.de/totenbuch/recherche/person/hansen-georg-alexander (Öffnet in einem neuen Tab)), aufgerufen am 22.05.2026.
[26] Vgl. Hansen, Widerstand.
[27] Vgl. Heinemann, Hansen.
[28] Bartl, Verschwörer, S. 281-290.
[29] Bartl, Verschwörer, S. 265-280.
[30] Bartl, Verschwörer, S. 281-290.
[31] Neue Presse Coburg vom 15.08.2009.
[32] Georg Alexander Hansen, in: Berühmte Coburger (https://www.coburg.de/coburg-erleben/stadt-und-stadtgeschichte/beruehmte-coburger/inhaltsseiten/maenner/georg-alexander-hansen.php (Öffnet in einem neuen Tab)), aufgerufen 22.05.2026.
Patenschaft
Die Patenschaft über den Stolperstein von Georg Alexander Hansen hat Dr. Carsten Hansen übernommen.
