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Biographie
Konrad Soergel wurde am 24. Juli 1877 in Fürth als eines von neun Kindern des Metzgermeisters Johann Wolfgang Dietrich Soergel und dessen Ehefrau Barbara Jakobine, geborene Scharff, geboren.[1] Seine Kindheit war nach den vorliegenden Quellen von den wirtschaftlichen Verhältnissen des elterlichen Betriebs sowie von der Mitarbeit im Familienhaushalt geprägt. Nach dem frühen Tod seiner Eltern übernahm sein Pate, der Fürther Magistratsrat Konrad Daniel Eckart, nach den vorliegenden Angaben ab 1891 eine wichtige Fürsorge- und Unterstützungsfunktion für die Familie.[2]
Soergel besuchte die Königlich-Bayerische Realschule in Fürth[3] und trat anschließend in die bayerische Finanzverwaltung ein.[4] Ab 1893 war er in Eichstätt, Pfaffenhofen, Cadolzburg, Marktschorgast und Berchtesgaden tätig. Dort legte er die Prüfung für den Finanzdienst ab.[5] 1901 wechselte er als Revisor und Gewerbeaufsichtsbeamter zum Magistrat der Stadt Fürth.[6] Im Jahr 1911 trat er in die Sparkasse Fürth ein. Zwei Jahre später wurde er in den Vorstand berufen.[7]
Ehe und Familie
Soergel war zweimal verheiratet. Seine erste Ehe schloss er in Fürth mit Luise Nürminger, die am 27. Juli 1882 in Fürth geboren wurde.[8] Sie starb am 29. März 1927 in Coburg.[9] Am 3. April 1928 heiratete Soergel Erna Schilling, geboren am 3. Dezember 1898 in Coburg.[10] Aus seinen Ehen gingen insgesamt vier Kinder hervor, drei Töchter und ein Sohn.[11]
Wechsel nach Coburg
Soergels Wechsel nach Coburg stand im Zusammenhang mit der Neubesetzung der Direktorenstelle der Städtischen Sparkasse Coburg. Die Ausschreibung der Stelle im Jahr 1918 fiel in eine Phase tiefgreifender politischer und administrativer Umbrüche nach dem Ende der Monarchie und vor der staatsrechtlichen Neuordnung Coburgs.[12]
Unter den 73 Bewerbern befand sich auch Soergel, dessen Bewerbung vom 16. September 1918 datiert.[13] Nach den erhaltenen Quellen fiel die Wahl des zuständigen städtischen Gremiums auf ihn. Sein Amt trat er am 22. Januar 1919 an.[14] Der Fürther Magistrat bedauerte sein Ausscheiden ausdrücklich, was darauf hinweist, dass Soergel bereits vor seinem Wechsel nach Coburg als fachlich qualifizierter und geschätzter Verwaltungs- und Sparkassenbeamter galt.[15]
Soergels Vergütung verweist auf die besondere Stellung, die der Coburger Sparkassendirektion in dieser Zeit zukam. Seine Bezahlung umfasste zunächst neben dem Grundgehalt auch eine Tantiemenregelung.[16] Eine solche erfolgsabhängige Vergütung war bei einer kommunalen Sparkasse keineswegs selbstverständlich. Sparkassen waren öffentlich verankerte Institute mit gemeinwirtschaftlichem Anspruch. Eine Beteiligung des Direktors am geschäftlichen Erfolg konnte daher als Ausdruck moderner bankmäßiger Betriebsführung verstanden werden, zugleich aber auch als problematische Annäherung an privatbankähnliche Vergütungsformen.
Die spätere Kritik an Soergels Tantieme richtete sich daher vermutlich nicht allein gegen die Höhe seiner Bezüge, sondern auch gegen das Modell einer erfolgsabhängigen Vergütung innerhalb eines kommunalen Finanzinstituts. 1928 wurde die Besoldung neu geregelt. Die Tantieme entfiel. Als Ausgleich erhielt Soergel nach den vorliegenden Quellen eine einmalige Abfindung von 30.000 Mark.[17]
Direktor der Städtischen Sparkasse Coburg
Unter Soergels Leitung entwickelte sich die Coburger Sparkasse in den 1920er Jahren institutionell, organisatorisch und geschäftspolitisch deutlich weiter.[18] Diese Entwicklung stand im Zusammenhang mit dem politischen und wirtschaftlichen Umbruch nach dem Ersten Weltkrieg. Aus dem kurzlebigen Freistaat Coburg wurde nach der Volksbefragung vom 30. November 1919 und dem Staatsvertrag mit Bayern zum 1. Juli 1920 ein Teil des Freistaats Bayern. Der Anschluss war von Coburger Seite mit Besitzstands- und Übergangsregelungen verbunden, die vor allem Verwaltung, Justiz, Kultur, Bildungswesen, Verkehrsfragen sowie wirtschaftliche Einrichtungen betrafen.[19]
Für die Coburger Sparkasse bedeutete diese Neuordnung, dass sie ihre Stellung in einem veränderten rechtlichen und wirtschaftlichen Umfeld behaupten musste. Soergel nutzte die besonderen Coburger Ausgangsbedingungen, um die Sparkasse stärker als kommunales Bankinstitut mit erweitertem Geschäftsbereich zu profilieren.[20] Dabei ging es nicht allein um die klassische Einlagenverwaltung, sondern zunehmend auch um bankmäßige Dienstleistungen, Kreditvergabe, Zahlungsverkehr und eine aktivere Ansprache von Privatkunden, Gewerbetreibenden und kommunalen Akteuren. Die Erweiterung des Geschäftsbereichs reichte über lokale und regionale Bindungen hinaus: Persönliche, geschäftliche und institutionelle Kontakte verbanden die Sparkasse auch mit weiter entfernten Orten wie Bremen und Berchtesgaden.[21]
Soergels Modernisierungspolitik entsprach zugleich allgemeinen Entwicklungen im deutschen Sparkassenwesen der Weimarer Republik. Die Inflation der frühen 1920er Jahre erschütterte das traditionelle Spargeschäft, während Girokonten, bargeldloser Zahlungsverkehr, Wertpapiergeschäfte und kurzfristig verfügbare Guthaben an Bedeutung gewannen. Nach der Währungsstabilisierung 1923/24 bemühten sich viele Sparkassen darum, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen und ihre Geschäftsfelder professioneller zu organisieren. Die Gründung des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes 1924 steht beispielhaft für die stärkere Vereinheitlichung und Interessenvertretung der Sparkassenorganisation in dieser Zeit.
Vor diesem Hintergrund erscheint Soergel als Vertreter eines neuen, stärker unternehmerisch und öffentlichkeitsorientiert handelnden Sparkassenleiters. Er stand technischen Neuerungen aufgeschlossen gegenüber, setzte auf eine moderne, „bankmäßige“ Betriebsführung und beschritt mit Werbekampagnen, Publikationen und neuen Formen der Öffentlichkeitsarbeit Wege, die für kommunale Sparkassen noch keineswegs selbstverständlich waren. Gerade diese Eigenständigkeit und Modernität konnten ihn jedoch angreifbar machen: Sie berührten traditionelle Vorstellungen von Sparkassen als vorsichtigen, lokal gebundenen Spareinrichtungen und konnten Konflikte mit Aufsichtsbehörden, kommunalen Gremien, konkurrierenden Banken oder Kritikern einer zu expansiven Geschäftspolitik hervorrufen.[22]
Konflikt mit der NSDAP
Nachdem die NSDAP in Coburg bereits seit Mitte der 1920er Jahre kommunalpolitisch agitiert hatte, verschärfte sich der Konflikt um die Städtische Sparkasse nach ihrem Wahlerfolg von 1929 erheblich. Bei der Stadtratswahl vom 23. Juni 1929 gewann die Partei 13 von 25 Sitzen und errang damit in Coburg die erste absolute Mehrheit der Nationalsozialisten in einem deutschen Stadtparlament. Coburg entwickelte sich dadurch schon vor 1933 zu einem kommunalpolitischen Experimentierfeld nationalsozialistischer Herrschaftspraxis.[23]
Der Angriff auf Sparkassendirektor Konrad Soergel hatte jedoch eine längere Vorgeschichte. Bereits seit 1926 nutzten die Nationalsozialisten die umstrittene Tantiemenregelung und die Stellung der Sparkasse als kommunales Finanzinstitut für ihre Agitation. Sie stellten Soergel als Symbol einer angeblich eigennützigen und bürgerfernen Verwaltung dar und verbanden diese Angriffe mit sozialpopulistischen Forderungen zugunsten von Erwerbslosen, Rentnern und Kleinsparern. Dabei konnten sie an reale Unzufriedenheit nach Inflation und Währungsstabilisierung anknüpfen, insbesondere an die Entwertung von Sparguthaben und die Kritik an hohen Bezügen in öffentlichen Einrichtungen.[24]
Nach 1929 gewann die NSDAP über Stadtrat, Ausschüsse und Verwaltungsrat zunehmenden Einfluss auf die Sparkasse.Soergel geriet dadurch stärker in die Schusslinie. Nach seiner eigenen Darstellung wollte er sich nicht für die „Geschäfte und Machenschaften“ nationalsozialistischer Akteure im Verwaltungsrat benutzen lassen.[25]
Noch im März 1931 versuchten Mitglieder des Verwaltungsrates nach Soergels Aussage, seine Zustimmung zu einer von ihm als zweifelhaft bewerteten Industriekreditvergabe mit dem Angebot eines Aufsichtsratsmandats zu erkaufen.[26] Der Vorgang verweist auf einen allgemeinen Konflikt der Zeit: Kommunale Sparkassen standen in der Weltwirtschaftskrise zunehmend unter Druck, kommunale Finanznot, lokale Wirtschaftsförderung und bankmäßige Risikoprüfung miteinander zu vereinbaren. Gerade dort, wo politische Mehrheiten versuchten, Sparkassenmittel für kommunal- oder parteipolitische Zwecke zu mobilisieren, konnten Direktoren in Konflikt mit Verwaltungsräten und Stadträten geraten.
Als Soergel im April 1931 zudem forderte, die Stadt müsse der Sparkasse sämtliche Kredite zurückzahlen, weil er deren Finanzpolitik für ruinös hielt, eskalierte der Konflikt.[27] Diese Forderung traf einen neuralgischen Punkt der nationalsozialistischen Kommunalpolitik in Coburg. Die Stadt hatte nach 1929 eine stark propagandistische, auf Steuersenkungen, sichtbare Maßnahmen und politische Mobilisierung ausgerichtete Finanzpolitik betrieben. Gleichzeitig verschlechterte sich die Haushaltslage. Zeitgenössische und spätere Darstellungen verweisen auf erhebliche Defizite und Konflikte mit der staatlichen Aufsicht.[28]
Am 10. April 1931 wurde Soergel unter dem Vorwurf dienstlicher Verfehlungen zwangsbeurlaubt. Ihm wurden Untreue, die Ermöglichung von Unterschlagungen und weitere Pflichtverletzungen zur Last gelegt.[29] Nach der vorliegenden Darstellung gingen die Unterschlagungen nicht auf Soergel selbst, sondern auf zwei kurz zuvor eingestellte Mitarbeiter zurück, die der NSDAP angehörten oder ihr nahestanden.[30]
Obwohl das Landgericht Soergel freisprach und ihm wiederholt kein persönliches Fehlverhalten nachgewiesen werden konnte, endete die Kampagne gegen ihn damit nicht. Sein Fall fügt sich in ein breiteres Muster früher nationalsozialistischer Machtpolitik in Coburg ein: Noch vor der reichsweiten Machtübernahme von 1933 nutzte die NSDAP ihre kommunale Stellung, um politische Gegner, missliebige Beamte und unabhängige Fachleute durch Ausschluss, Versetzung, Disziplinarverfahren, öffentliche Diffamierung und administrativen Druck aus ihren Positionen zu drängen.[31]
Letzte Jahre und Tod
Der Ausschluss Soergels aus dem Amt erfolgte nicht durch eine strafrechtliche Verurteilung, sondern über den dienstrechtlichen Weg der Feststellung dauernder Dienstunfähigkeit.[32] Damit endete ein Konflikt, der mit seiner Zwangsbeurlaubung begonnen hatte und sich durch strafrechtliche, disziplinarische und politische Auseinandersetzungen über mehrere Jahre hinzog.
Ende März 1933 verließ Soergel mit seiner Familie Coburg.[33] Diese zeitliche Zäsur fiel in die Phase der reichsweiten nationalsozialistischen Machtübernahme und Gleichschaltung. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 wurden politische Gegner, unabhängige Beamte und missliebige Funktionsträger reichsweit zunehmend durch Entlassungen, Beurlaubungen, Disziplinarverfahren, öffentliche Diffamierung und sozialen Druck ausgeschaltet. In Coburg radikalisierte sich diese kommunale Praxis nach der reichsweiten Machtübernahme der NSDAP weiter.
Nach seinem Wegzug war Soergels Leben offenbar stark durch die Vorbereitung und Führung seiner Verfahren gegen die Stadt Coburg geprägt. Nach 1935 verlagerte sich sein Leben nach den überlieferten Hinweisen zunehmend in den privaten Bereich. Insbesondere widmete er sich der Erziehung seines Sohnes.[34]
Am 6. Januar 1936 wurde Soergel auf Grundlage eines ärztlichen Gutachtens für dauernd dienstunfähig erklärt und in den Ruhestand versetzt.[35] Seine schwere Erkrankung ist im Zusammenhang mit den jahrelangen Konflikten, der öffentlichen Herabsetzung und dem Verlust seiner beruflichen Stellung zu sehen.
Kurze Zeit später entschied die Disziplinarkammer beim Oberlandesgericht Bamberg zugunsten Soergels.[36] Sie wies die gegen ihn erhobenen dienstrechtlichen Vorwürfe zurück beziehungsweise entlastete ihn und verpflichtete die Stadt zur Auszahlung zurückgehaltener Gehaltsteile. Diese Entscheidung bedeutete eine rechtliche Rehabilitierung. Sie konnte jedoch die Folgen der jahrelangen Verfahren, den Verlust seiner beruflichen Stellung, die öffentliche Beschädigung und die gesundheitlichen Belastungen nicht mehr rückgängig machen.
Soergel starb am 17. Dezember 1940 im Alter von 63 Jahren in Fürth.[37] Sein Schicksal zeigt exemplarisch, wie nationalsozialistische Herrschaft nicht erst durch reichsweite Gesetze, sondern bereits auf kommunaler Ebene wirksam wurde: durch politische Kampagnen, Zugriff auf Verwaltungsorgane, Instrumentalisierung dienstrechtlicher Verfahren und die systematische Zermürbung fachlich oder politisch unerwünschter Personen. Zugleich verweist der Fall auf die Gefährdung kommunaler Finanzinstitutionen in der Krise der Weimarer Republik, wenn fachliche Autonomie, öffentliche Kontrolle und parteipolitische Machtansprüche miteinander kollidierten.
Quellen- und Literaturverzeichnis
[1] Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei, Sörgel, Konrad und Erna.
[2] Frank Finzel / Michael Reinhart, Spuren. 175 Jahre Sparkasse Coburg. Hauptwege, Nebenwege, Irrwege, Stuttgart 1996, S. 218.
[3] Jahres-Bericht über die Königl. Bayer. Realschule (mit Handels-Abteilung) und die mit ihr verbundenen gewerblichen und kaufmännischen Fortbildungs-Anstalten zu Fürth für das 56. Schuljahr 1888/1889, Fürth 1889, S. 28.
[4] Finzel / Reinhart, Spuren, S. 218.
[5] Ebd.
[6] Ebd.
[7] Ebd.
[8] Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei, Sörgel, Konrad und Luise.
[9] Coburger Zeitung vom 07.04.1927.
[10] Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei, Sörgel, Konrad und Luise.
[11] Finzel / Reinhart, Spuren, S. 219.
[12] Vgl. Alexander Wolz / Christian Boseckert (Hrsg.), Der Anschluss Coburgs an Bayern im Jahre 1920“… zu einem einheitlichen Gebiet vereinigt“, Coburg 2020 (Schriftenreihe der Historischen Gesellschaft Coburg Bd. 30).
[13] Finzel / Reinhart, Spuren, S. 218.
[14] Ebd.
[15] Ebd.
[16] Ebd.
[17] Ebd.
[18] Finzel / Reinhart, Spuren, S. 219.
[19] Vgl. Wolz / Boseckert, Anschluss.
[20] Finzel / Reinhart, Spuren, S. 219.
[21] Ebd.
[22] Ebd.
[23] Vgl. Eva Karl, "Coburg voran!" Mechanismen der Macht - Herrschen und Leben in der "ersten nationalsozialistischen Stadt Deutschlands", Regensburg 2025.
[24] O. A., 1924 – 1929: Die „Dreimannfraktion“– Das Agieren der Nationalsozialisten im Stadtrat, in: Digitales Stadtgedächtnis (https://www.stadtgeschichte-coburg.de/blog/2011/04/20/1924-1929-die-dreimannfraktion-das-agieren-der-nationalsozialisten-im-stadtrat/#_ftn6 (Öffnet in einem neuen Tab)), aufgerufen am 24.04.2026.
[25] Zitiert nach Finzel / Reinhart, Spuren, S. 218.
[26] Finzel / Reinhart, Spuren, S. 218.
[27] Karl, Coburg voran!, S. 299f.
[28] Harald Sandner, Coburg im 20. Jahrhundert. Die Chronik über die Stadt Coburg und das Haus Sachsen-Coburg und Gotha vom 1. Januar 1900 bis zum 31. Dezember 1999, Coburg 2000, S. 102; Finzel / Reinhart, Spuren, S. 319.
[29] Karl, Coburg voran!, S. 299f.
[30] Karl, Coburg voran!, S. 300.
[31] Ebd.
[32] Ebd.
[33] Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei, Sörgel, Konrad und Erna.
[34] Finzel / Reinhart, Spuren, S. 219.
[35] Finzel / Reinhart, Spuren, S. 312-337.
[36] Ebd.
[37] Sandner, Coburg im 20. Jahrhundert, S. 153.
Patenschaft
Die Patenschaft über den Stolperstein von Konrad Soergel hat die Sparkasse Coburg-Lichtenfels übernommen.
