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Biographie
Otto Simon wurde am 15. Februar 1900 im heutigen Bad Salzungen, geboren.[1] Sein Vater Rudolf Simon war Postschaffner. Die Familie Simon lebte seit April 1902 in einer Wohnung des Hauses Kreuzwehrstraße 16 in Coburg.[2] Otto Simon besuchte in der Vestestadt die Schule. Noch während der letzten Monate des Ersten Weltkriegs wurde Simon zum Militärdienst herangezogen. Vom 23. Juni 1918 bis zum 4. Februar 1919 gehörte er als Soldat dem Landsturm an.[3]
Nur wenige Wochen nach dem Ende seiner Militärzeit begann Simon am 6. April 1919 in Bamberg eine Polizeiausbildung, die bis 1921 dauerte.[4] In der Domstadt existierte seinerzeit ein Kommando der „Staatlichen Polizeiwehr Bayerns“.[5] Damit fiel sein Berufseinstieg in eine Zeit fundamentaler politischer und gesellschaftlicher Umbrüche. Revolution, Zusammenbruch der Monarchie und politische Gewalt stellten die Sicherheitsorgane des neu entstandenen Freistaates Bayern vor erhebliche Herausforderungen.
Aus der 1919 gebildeten „Staatlichen Polizeiwehr Bayerns“ entstand im September 1920 zunächst die Staatliche Ordnungspolizei. Seit dem 22. November 1920 trug sie die Bezeichnung Bayerische Landespolizei. Sie war eine kasernierte und stark militärisch geprägte Polizeiformation, die vor allem zur Bewältigung größerer Unruhen eingesetzt wurde. Zugleich bildete sie ein wichtiges Personalreservoir für die Gendarmerie und die staatlichen beziehungsweise kommunalen Schutzmannschaften. Ausbildung, Organisation und Dienstbetrieb lehnten sich deutlich an militärische Strukturen an.[6]
Bei der Bayerischen Landespolizei in Coburg
Für Otto Simons Lebensweg ist die Entstehung des Coburger Kommandos der Bayerischen Landespolizei von besonderer Bedeutung. Nachdem der Freistaat Coburg am 1. Juli 1920 mit Bayern vereinigt worden war, stellte die bayerische Staatsregierung im Dezember 1920 in Bamberg eine eigene „Coburger Hundertschaft“ der grünen Landespolizei auf. Vom 10. Mai 1921 an wurde diese Einheit nach Coburg verlegt und in der ehemaligen Kaserne des 6. Thüringischen Infanterieregiments Nr. 95 untergebracht. Im Mai 1921 bestand das Coburger Kommando aus drei Offizieren, einem Sekretär und 127 Wachtmeistern.[7]
In diesem Zusammenhang kehrte Simon nach Coburg zurück und lebte zwischen 1921 und 1928 in der Polizeikaserne an der Neustadter Straße. Danach besaß er eine Wohnung im Haus Markt Nr. 9.[8] Die überlieferten Unterlagen bezeichnen Simon als Hilfs- und Polizeiwachtmeister.[9] Damit gehörte er zur Gruppe der praktisch eingesetzten Polizeibeamten und nicht zum Offizierskorps. Für Wachtmeister der Bayerischen Landespolizei war grundsätzlich eine zwölfjährige Dienstzeit vorgesehen, in die vorherige Militärdienstzeiten eingerechnet werden konnten. Bereits nach sieben Dienstjahren bestand die Möglichkeit eines Übertritts zur Gendarmerie oder zu einer Schutzmannschaft.[10] Welche konkreten Funktionen Simon innerhalb der Coburger Einheit wahrnahm muss bislang offenbleiben.
Polizeidienst in einem politisch aufgeheizten Umfeld
Die Bayerische Landespolizei war in ihren ersten Jahren stark militärisch geprägt. Teile ihres Führungspersonals standen der parlamentarischen Demokratie distanziert gegenüber oder tendierten zur politischen Rechten. Zahlreiche ihrer frühen Einsätze richteten sich gegen sozialistische und kommunistische Bewegungen. Erst nach dem gescheiterten Hitlerputsch vom November 1923 entwickelte sich die Landespolizei schrittweise zu einer stärker professionalisierten und staatstreuen Polizeiformation.[11]
Gerade Coburg gehörte zu den politisch besonders konfliktgeladenen Einsatzorten. Bereits wenige Monate nach der Verlegung des Landespolizeikommandos kam es am 3. September 1921 zum sogenannten Coburger Blutsonnabend. Eine von SPD und Gewerkschaften veranstaltete Demonstration wurde von der Bayerischen Landespolizei gewaltsam aufgelöst. Nachdem der Einsatz von Gummiknüppeln die Demonstranten nicht zurückgedrängt hatte, setzte die Polizei Gewehre und Handgranaten ein. Rund 20 Menschen wurden verletzt. Ein Demonstrant erlag zwei Tage später seinen Verletzungen.[12]
Das Ereignis fiel unmittelbar in Simons erste Monate in Coburg. Ob er persönlich an diesem Polizeieinsatz beteiligt war, ist jedoch nicht belegt. Gleichwohl verdeutlicht der „Blutsonnabend“ das politische Spannungsfeld, in dem Simon als junger Polizeibeamter seinen Dienst versah.
Auch beim nationalsozialistischen „Deutschen Tag“ in Coburg im Oktober 1922 und bei weiteren politischen Auseinandersetzungen wurde die Landespolizei eingesetzt. Ihre Aufgabe bestand nicht allein im gewöhnlichen Polizeidienst, sondern gerade auch in der Kontrolle politischer Versammlungen, Demonstrationen und gewaltsamer Auseinandersetzungen.[13]
Vor diesem Hintergrund gewinnt Simons eigener politischer Weg besondere Bedeutung.
SPD und Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold
Otto Simon war Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), ohne innerhalb der Partei eine Funktion auszuüben. Darüber hinaus war er als Ausbilder im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold tätig.[14]
Das 1924 gegründete Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold verstand sich als Schutzorganisation der parlamentarischen Republik. Es wurde wesentlich von Sozialdemokraten und Gewerkschaftern getragen, stand grundsätzlich aber auch Mitgliedern der Deutschen Demokratischen Partei und des Zentrums offen. Das Bekenntnis zu den Farben Schwarz-Rot-Gold brachte die bewusste Bindung an die demokratische Republik zum Ausdruck. Neben politischen Veranstaltungen und republikanischen Kundgebungen gehörten der Schutz von Versammlungen sowie eine straff organisierte körperliche und taktische Ausbildung zu den Tätigkeitsfeldern des Verbandes.[15]
Dass ein ausgebildeter Landespolizist wie Simon als Ausbilder im Reichsbanner tätig war, ist daher von besonderem Interesse. Seine beruflichen Kenntnisse dürften ihn für eine solche Aufgabe qualifiziert haben. Für Bayern ist zugleich überliefert, dass die Staatsregierung dem Reichsbanner ausgesprochen skeptisch gegenüberstand und den Verband polizeilich überwachen ließ. Nachrichtendienstliche Berichte behaupteten sogar, dass in anderen Ländern Polizeibeamte dem Reichsbanner als Ausbilder zur Verfügung gestellt worden seien. Ob Simon seine Tätigkeit mit Wissen seiner Dienststelle, geduldet oder ausschließlich privat ausübte, ist bislang nicht bekannt.[16]
Seine Biografie offenbart damit eine bemerkenswerte Spannung. Simon gehörte beruflich einer militärisch geprägten Polizeiformation an, deren frühe Geschichte teilweise durch eine deutliche Distanz zur politischen Linken gekennzeichnet war. Persönlich entschied er sich dagegen für die Sozialdemokratie und engagierte sich im Reichsbanner aktiv für den Schutz der parlamentarischen Republik.
Diese Verbindung aus Polizeierfahrung, SPD-Mitgliedschaft und Tätigkeit im Reichsbanner dürfte ihn nach der nationalsozialistischen Machtübernahme besonders exponiert haben.
Verhaftung und Misshandlung
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verschärfte sich Simons Situation innerhalb weniger Tage. Am 10. März 1933 ließ der neue nationalsozialistische Beauftragte für das Bayerische Innenministerium, Adolf Wagner, das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold sowie weitere sozialdemokratische Schutzorganisationen in Bayern auflösen. Bereits am folgenden Tag wurde angeordnet, Funktionäre der KPD und führende Angehörige des Reichsbanners in sogenannte „Schutzhaft“ zu nehmen.[17]
Auch Otto Simon wurde mehrfach verhaftet. Die überlieferten Angaben zur genauen Chronologie unterscheiden sich geringfügig. Nach den Unterlagen der Staatsanwaltschaft Coburg befand er sich vom 10. bis 12. März 1933 in Haft und wurde am 13. März 1933 erneut verhaftet. Die bisherige Coburger Stolpersteinbiografie nennt hingegen den 11. März als Tag, an dem Nationalsozialisten gewaltsam in seine Wohnung eindrangen und ihn festnahmen.[18]
Unabhängig von dieser geringfügigen Datierungsdifferenz steht fest, dass Simon unmittelbar während der ersten nationalsozialistischen Verfolgungswelle gegen Sozialdemokraten und republikanische Organisationen festgenommen wurde.
Er wurde in der sogenannten Alten Herberge in der Rosengasse festgehalten und verhört. Dieses Gebäude entwickelte sich während der nationalsozialistischen Machtübernahme in Coburg zu einem zentralen Ort der Misshandlung politischer Gegner. Simon wurde dort schwer körperlich misshandelt. Die Nationalsozialisten prügelten mit Knüppeln und Peitschen auf ihn ein, sodass Simon aufgrund seiner Verletzungen anschließend eine Woche im Krankenhaus behandelt werden musste.[19]
Zu den körperlichen Misshandlungen kam psychischer Terror. Den Gefangenen wurde vorgetäuscht, sie seien zum Tode verurteilt worden. Wiederholt wurden sie nachts aus ihren Zellen geholt und Scheinhinrichtungen ausgesetzt. Nach ihrer vorläufigen Entlassung blieb der Druck auf die Betroffenen bestehen. Sie mussten sich bei der Polizei melden, waren in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und wurden durch weitere Hausdurchsuchungen und Schikanen eingeschüchtert.[20]
Für Simon musste diese Entwicklung besonders einschneidend gewesen sein. Ein Mann, der selbst viele Jahre im Polizeidienst gestanden hatte, wurde nun Opfer einer politisch instrumentalisierten Polizei- und Gewaltpraxis.
Entfernung aus dem Polizeidienst
Parallel zur Verfolgung der politischen Opposition wurde auch die Bayerische Landespolizei der nationalsozialistischen Herrschaft unterworfen. Während der Machtübernahme blieb die kasernierte Landespolizei in Bayern weitgehend passiv und wurde anschließend rasch für die Zwecke des neuen Regimes eingesetzt.[21]
Das Coburger Landespolizeikommando wurde am 16. März 1933 aufgelöst. Die Einheit wurde nach Augsburg versetzt und dort zur Neuaufstellung der 13. Hundertschaft verwendet.[22]
Welche unmittelbaren Auswirkungen diese Umorganisation auf Otto Simon hatte, lässt sich bislang nicht vollständig rekonstruieren. Es scheint aber so, dass diese Umorganisation dafür genutzt wurde, um Simon wegen seiner SPD-Mitgliedschaft und seiner früheren Tätigkeit im Reichsbanner aus dem Polizeidienst zu entfernen.
Gerade dieser Bruch macht Simons Biografie für die Geschichte der Polizei in der Übergangsphase von der Weimarer Republik zur NS-Diktatur besonders aussagekräftig. Der langjährige Polizeibeamte, der sich zugleich zur demokratischen Republik bekannte, wurde aus jener staatlichen Institution herausgedrängt, der er seit den frühen Jahren der Weimarer Republik angehört hatte.
Erneute Verhaftung und Konzentrationslager
Mit dem reichsweiten Verbot der SPD am 22. Juni 1933 erreichte die Ausschaltung der Sozialdemokratie eine weitere Stufe. Nur wenige Tage später bereitete die Bayerische Politische Polizei eine koordinierte Verhaftungsaktion vor. Nach einem Eil- und Geheimvermerk vom 28. Juni sollten am Morgen des 30. Juni 1933 sozialdemokratische Mandatsträger sowie diejenigen SPD-Funktionäre festgenommen werden, die innerhalb der Partei oder des Reichsbanners eine führende Stellung eingenommen hatten. Die im Zuge dieser bayernweiten Aktion Festgenommenen wurden in das Konzentrationslager Dachau überstellt.[23]
In diesem Zusammenhang wurde Otto Simon am 30. Juni 1933 erneut verhaftet. Nach den Angaben der Staatsanwaltschaft Coburg folgte eine sechsmonatige Konzentrationslagerhaft, die demnach bis gegen Ende des Jahres 1933 dauerte. Insgesamt wurde damit Simon 1933 dreimal inhaftiert.[24]
Der konkrete Ort seiner sechsmonatigen KZ-Haft ist in den bisherigen bekannten Quellen allerdings nicht ausdrücklich angegeben. Aufgrund der Verhaftung am 30. Juni 1933 spricht sehr viel für das Konzentrationslager Dachau. Für diese Verhaftungsaktion ist ausdrücklich belegt, dass die Gefangenen in dieses Lager überstellt wurden. Auch zahlreiche andere bayerische Sozialdemokraten wurden an diesem Tag festgenommen und anschließend dort inhaftiert.[25]
Weiteres Leben und Tod
Nach seiner Entfernung aus dem Polizeidienst arbeitete Otto Simon als Maschinenschlosser und Werkmeister in einem Coburger Unternehmen.[26] Er war mit Gertrud Simon, geborene Heuring, verheiratet, die am 21. Januar 1905 in Coburg geboren worden war.[27]
Otto Simon überlebte die NS-Diktatur. Ob er nach 1945 nochmals in den Polizeidienst zurückkehrte oder sich erneut aktiv in der SPD beziehungsweise anderen demokratischen Organisationen engagierte, ist nach dem gegenwärtigen Forschungsstand nicht bekannt. Er starb am 2. April 1965 in Coburg.[28]
Quellen- und Literaturverzeichnis
[1] Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei Simon, Otto und Gertrud.
[2] Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei Simon, Otto.
[3] Ebd.; Coburger Zeitung vom 03.02.1922.
[4] Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei Simon, Otto.
[5] Gerhard Fürmetz, Bayerische Landespolizei, 1920-1935, publiziert am 04.12.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Bayerische_Landespolizei,_1920-1935 (Öffnet in einem neuen Tab) (7.08.2026)
[6] Ebd.
[7] Hans-Jürgen Schmidt / Helmut Götz / Wolfgang Schneider, Coburg und seine Polizei – Weimarer Republik, in: Digitales Stadtgedächtnis Coburg (https://www.stadtgeschichte-coburg.de/blog/2010/01/11/coburg-und-seine-polizei-weimarer-republik/ (Öffnet in einem neuen Tab)), aufgerufen am 07.08.2026.
[8] Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei Simon, Otto und Gertrud.
[9] Ebd.
[10] Fürmetz, Bayerische Landespolizei.
[11] Ebd.
[12] Stefan Nöth, Coburger "Blutsonnabend", 3. September 1921, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Coburger_"Blutsonnabend",_3._September_1921 (Öffnet in einem neuen Tab) (7.08.2026)
[13] Schmidt / Götz / Schneider, Coburg und seine Polizei.
[14] Staatsarchiv Coburg, StAnw 906, Bl. 66.
[15] Günther Gerstenberg, Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, 1924-1933, publiziert am 13.07.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Reichsbanner_Schwarz-Rot-Gold,_1924-1933 (Öffnet in einem neuen Tab)> (7.08.2026)
[16] Ebd.
[17] Ebd.
[18] Staatsarchiv Coburg, StAnw 906, Bl. 66; Stolperstein für Otto Simon, Markt 9, in: Digitales Stadtgedächtnis (https://www.stadtgeschichte-coburg.de/blog/2011/06/29/stolperstein-fuer-otto-simon-markt-9/ (Öffnet in einem neuen Tab)), aufgerufen am 07.08.2026.
[19] Ebd.
[20] Stolperstein für Otto Simon.
[21] Fürmetz, Bayerische Landespolizei.
[22] Schmidt /Götz / Schneider, Coburg und seine Polizei – Weimarer Republik.
[23] Vgl. Bayerische Politische Polizei, Eil- und Geheimvermerk vom 28. Juni 1933, Staatsarchiv München, LRA 58083, zit. nach Margrit Grubmüller / Kurt Lehnstaedt: SPD (publiziert am 16.01.2025), in: nsdoku.lexikon, hrsg. vom NS-Dokumentationszentrum München, URL: https://www.nsdoku.de/lexikon/artikel/spd-787 (Öffnet in einem neuen Tab), aufgerufen am 07.08.2026. Zur Ausschaltung der SPD am 22. Juni 1933 vgl. außerdem Arnulf Scriba, Die Errichtung des Einparteienstaates 1933, in: LEMO – Lebendiges Museum Online (https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/etablierung-der-ns-herrschaft/einparteienstaat (Öffnet in einem neuen Tab)), aufgerufen am 07.08.2026.
[24] Staatsarchiv Coburg, StAnw 906, Bl. 66.
[25] Grubmüller / Lehnstaedt, SPD.
[26] Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei Simon, Otto und Gertrud.
[27] Ebd.
[28] Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekarte Simon, Otto.
Patenschaft
Die Patenschaft über seinen Stein hat Dr. Joachim Rückert übernommen.
