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Stadt Coburg

Stolperstein

Gerhard Klein

Inhalt

  1. Biographie
  2. Jugendjahre und Wachsender Antisemitismus
  3. NS-Zeit
  4. Flucht
  5. Leben in Palästina
Verlegeort des Stolpersteins

Biographie

Stolperstein für Gerhard Klein (ki-bearbeitet)

Gerhard Klein kam am 10. Juni 1923 in Coburg zur Welt.[1] Sein Vater Leonhard Klein (Öffnet in einem neuen Tab) wurde am 5. April 1886 in Bamberg (Königreich Bayern), seine Mutter Sophie Klein (Öffnet in einem neuen Tab), geb. Mannheimer, am 30. Juni 1902 in Coburg geboren. Gerhard hatte zwei Schwestern:  

Jugendjahre und Wachsender Antisemitismus

Wohnhaus der Familie Klein am Kanonenweg

Gerhard Klein wuchs in einer Phase auf, in der sich die politischen und sozialen Rahmenbedingungen für jüdische Bürgerinnen und Bürger in Deutschland – und damit auch in Coburg – nach dem Ersten Weltkrieg spürbar verschoben. In der lokalen Öffentlichkeit kursierten seit den frühen 1920er-Jahren antijüdische Deutungen von Kriegsniederlage und Krisenerfahrungen; entsprechende Flugblätter, Pressebeiträge und Vorträge sind für Coburg nachweisbar. Diese Agitation bildete einen wichtigen, wenn auch nicht allein entscheidenden Kontext für spätere Gewaltakte gegen Juden. Neben propagandistischen Kampagnen wirkten kommunale Politik, Vereinswesen, Justizpraxis, wirtschaftliche Krisen und das Handeln einzelner Akteure zusammen. Die Nationalsozialisten erzielten in Coburg bereits vor 1933 erhebliche kommunalpolitische Zugewinne und besetzten schrittweise Ämter und Einflusspositionen. Für das späte Jahrzehnt der Weimarer Republik sind Übergriffe und Sachbeschädigungen gegen jüdisches Eigentum in der Stadt belegt; die Intensität schwankte je nach Zeitraum und Anlass. Anzeigen und Gerichtsverfahren der jüdischen Gemeinde lassen sich nachweisen, ihre Erfolgsbilanz war gemischt und hing vom Einzelfall ab. Unabhängig davon ging die Zahl der jüdischen Einwohner zwischen Mitte der 1920er-Jahre und 1933 zurück.[2] Neben antisemitischem Druck sind hierfür auch demografische Faktoren, wirtschaftliche Motive sowie Ab- und Binnenwanderung in Betracht zu ziehen.

Die Familie Klein war in dieser Zeit nicht von dokumentierten physischen Angriffen oder nachweisbaren Sachbeschädigungen betroffen. Gerhard wuchs mit seinen Eltern und seinen Schwestern in einem Haus am Kanonenweg auf, das der Vater 1922 erworben hatte.[3] Leonhard Klein war zunächst als Teilhaber an der Fabrik seines Bruders Julius tätig, die keramisch-technische Erzeugnisse herstellte.[4] 1928 gründete er die Keramisch-Technische Industrie GmbH mit Sitz in einem Fabrikgebäude am Kalenderweg 29.[5] Das Unternehmen produzierte technische und Industriekeramik.

Zu Gerhard Kleins Schulerfahrungen liegen in den bisher herangezogenen Unterlagen keine direkten Selbstzeugnisse oder schulischen Quellen vor. Allgemein zeigen lokale Fallstudien – unter anderem Arbeiten von Hubert Fromm zu einzelnen Biografien –, dass die Auswirkungen von Antisemitismus in Coburger Schulen bis 1933 erheblich variierten: Während manche jüdische Schülerinnen und Schüler keine dokumentierten Anfeindungen erfuhren, berichten andere von Ausgrenzung und Übergriffen durch Mitschüler oder Lehrkräfte.[6] Ohne spezifische Belege zu Kleins Klasse, Schule und Jahrgängen lässt sich sein persönliches Erleben nicht weiter verdichten.

NS-Zeit

Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und der rasch einsetzenden „Gleichschaltung“ verschlechterten sich die Rahmenbedingungen für jüdische Familien auch in Coburg. Im März 1933 wurde Gerhards Vater Leonhard Klein von Angehörigen der SA festgenommen. Die SA wurde 1933 in vielen Orten zeitweise als Hilfspolizei zur Unterstützung der regulären Polizei herangezogen. Klein kam in sogenannte „Schutzhaft“, eine Form außergerichtlicher Inhaftierung, die sich auf Ausnahmeverordnungen stützte und rechtsstaatliche Garantien außer Kraft setzte.

Schutzhaft war eines von mehreren Instrumenten des frühen NS-Terrors und richtete sich gegen politische Gegner und Juden. Leonhard Klein wurde seinerzeit in die berüchtigte „Prügelstube“ gebracht, die sich im Gebäude der Stadtpolizei an der Rosengasse befand.[7] Diese Einrichtung diente dazu, politische Gegner und jüdische Bürger systematisch einzuschüchtern und zu misshandeln. In dieser „Prügelstube“ erlitt Klein mindestens eine so schwere Misshandlung, dass er fortan auf zwei Gehstöcke angewiesen war, obwohl er zuvor ohne Einschränkungen gehen konnte.[8]

Über Gerhard Kleins persönliche Reaktionen auf die Verhaftung seines Vaters liegen in den herangezogenen Quellen keine gesicherten Selbstzeugnisse vor. Aussagen zu psychischen Folgen bleiben daher spekulativ und werden hier nicht getroffen.

Für den Schulbereich ist zwischen reichsweiten Normen und lokalen Maßnahmen zu unterscheiden. Seit 1933 nahm der Druck auf jüdische Schülerinnen und Schüler sukzessive zu (pädagogische Ausgrenzung, Einschränkung der Teilnahme an Aktivitäten, örtlich differierende Verfügungen). Auch Gerhard Klein dürfte ähnliche Erfahrungen gemacht haben. In den Schulakten ist hierzu jedoch nichts vermerkt.

Mit der Einführung der Nürnberger Gesetze 1935 erreichte die Diskriminierung einen neuen Höhepunkt. Jüdische Schüler wurden vom Regime als „rassisch minderwertig“ bezeichnet, was nicht nur ihre gesellschaftliche Stellung weiter schwächte, sondern auch ihre Teilnahme am Bildungswesen stark einschränkte. Schließlich führte die zunehmende Entrechtung dazu, dass jüdischen Schüler in Coburg ab 1935/36 vollständig aus öffentlichen Schulen ausgeschlossen wurden und gezwungen waren, auf private jüdische Schulen zu wechseln. Auch Gerhard Klein musste die öffentliche Schule verlassen. Er fand, wie auch die anderen jüdischen Schüler Coburgs, im April 1935 Aufnahme in der Privatschule des jüdischen Predigers Hermann Hirsch.[9]

Die von Hermann Hirsch geleitete Schule entwickelte sich aus einem früheren Knabeninternat und erfüllte drei zentrale Aufgaben: Erstens bot sie Schutz vor antisemitischen Übergriffen. Zweitens vermittelte sie ein positives Selbstverständnis der jüdischen Kultur und Geschichte, um den Schülern in einer zunehmend feindseligen Umgebung Halt zu geben. Drittens legte sie besonderen Wert auf den Fremdsprachenunterricht, insbesondere Englisch, Französisch und Hebräisch, um die Schüler auf eine mögliche Emigration vorzubereiten.[10] Finanziell musste sich die Schule selbst tragen, da sie keinerlei staatliche Unterstützung erhielt und sich ausschließlich durch Beiträge der Eltern und Spenden finanzierte. Diese Belastung war für viele jüdische Familien, die ohnehin unter den wirtschaftlichen Einschränkungen durch die antijüdischen Gesetze litten, eine große Herausforderung.

Flucht

Meldekarte von Gerhard Klein

Nach 1933 verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation der Kleins immer weiter, was schließlich zu einer existenzielle Krise führte. Im Mai 1936 sah sich Leonhard Klein gezwungen, sein Wohnhaus zu verkaufen.[11] Zwei Monate später, im Juli 1936, musste er auch seinen Betrieb schließen und die Fabrik im Kalenderweg verkaufen.[12]

Angesichts dieser Lage entschied sich das Ehepaar Klein zur Emigration. Zunächst wollten sie die älteren Kinder, Gerhard und Ursula, in Sicherheit wissen und planten deren Ausreise in das damals britisch verwaltete Palästina. Vermutlich geschah dies über die Jugend-Alijah, ein jüdisches Hilfswerk zur Vermittlung minderjähriger Ausreisender. Voraussetzung war in der Regel eine Bürgschaft bzw. Finanzgarantie anerkannter Träger für Unterhalt und Betreuung – häufig für zwei Jahre.

Gerhard und Ursula waren bei ihrer Ausreise 13 bzw. elf Jahre alt – genau jene Altersgruppe, die seit 1933 in organisierten Jugendtransporten unter Obhut der Jewish Agency und angeschlossener Einrichtungen nach Palästina gelangte. Ein weiterer Hinweis auf ihre Teilnahme findet sich im späteren Einbürgerungsantrag Gerhard Kleins, in dem unter anderem ein Schulleiter als Bürge genannt wird. [13] Dieses Umfeld entspricht dem typischen Muster der Jugend-Alijah. Nach der Ankunft wurden die Kinder in Schulen, Jugenddörfern oder Internaten untergebracht; Für ihren dortigen Unterhalt bestanden Patenschaften und Finanzgarantien.

Mitte März 1936 erhielten Gerhard und Ursula Klein ihre Ausreisepapiere.[14] Sie blieben aber noch einige Wochen in Coburg. Am 27. März endete für beide das Schuljahr bei Hermann Hirsch. Zudem beging Gerhard am 25. April im Hause Hirsch seine Bar Mitzwa.[15] Dies sollte die letzte große Familienfeier für Jahre sein. Am 4. Mai verließen die Geschwister Klein die Stadt und reisten am 11. Mai 1936 per Bahn und Schiff über das Mittelmeer in das Mandatsgebiet Palästina ein. Gerhard wurde dabei unter der Immigranten-Registriernummer HA-7426 B [III] erfasst.[16] 

Leben in Palästina

Gerhard Klein (ki-bearbeitet)

Nach ihrer Ankunft wurden Gerhard und Ursula für etwa ein Jahr in dem Jugendheim „Ziv“ in Tel-Litivinsky untergebracht.[17] Diese Unterbringung im Rahmen der von Jugend-Alijah-Strukturen getragenen Betreuung diente ihrer Versorgung, schulischen Förderung und schrittweisen Eingliederung in das Leben im jüdischen Gemeinwesen Palästinas. 

Im Juni 1937 gelangten auch die Eltern von Gerhard Klein sowie seine jüngere Schwester Rosemarie nach Palästina. Die Familie legte ihren Lebensmittelpunkt nach Tel Aviv.[18] Nach dem Schulabschluss arbeitete Klein als Büroangestellter.[19] Im Juni 1941 stellte er – damals 18-jährig – einen Antrag auf die von der britischen Mandatsverwaltung im Jahr 1925 eingeführte Citizenship of Palestine (Mandatsstaatsangehörigkeit).[20] Zwei Monate später wurde ihm diese Mandatsstaatsangehörigkeit zuerkannt.[21] Fünf Jahre später nahm er den hebräischen Namen Gad Ben-Ari an.[22]

Nach der Staatsgründung Israels 1948 engagierte sich Ben-Ari in der Histadrut (Allgemeiner Gewerkschaftsbund). Für das Jahr 1959 ist belegt, dass er für ein innergewerkschaftliches Amt kandidierte.[23] Art und Ebene des angestrebten Amtes gehen aus den vorliegenden Unterlagen nicht eindeutig hervor. Spätestens 1963 ist sein Wohnsitz in Haifa nachweisbar.[24]

Schließlich heiratete Gad Ben-Ari die aus Metz (Frankreich) stammende Friseurin Cecile Shmulevich, welche am 11. Februar 1925 geboren wurde.[25] Sie war Jüdin und kam 1935 als junges Mädchen nach Palästina. Das Ehepaar hatte zwei Kinder.

Gad Ben-Ari starb am 1. April 1983 im Alter von 59 Jahren in Haifa. Die Beisetzung erfolgte auf dem Friedhof im Stadtteil Kfar Samir.[26]

Quellen- und Literaturverzeichnis

[1]    Stadtarchiv Coburg, Einwohnerkartei, Klein, Gerhard.

[2]    Zusammenfassung bei Hubert Fromm, Die Coburger Juden. Geschichte und Schicksal, Coburg ²2001.

[3]    Stadtarchiv Coburg, Einwohnerkartei, Klein, Leonhard und Sophie; Staatsarchiv Coburg, Grundbuch der Stadt Coburg, Bd. 39, S. 274f.

[4]    Coburger Zeitung vom 26.02.1924. 

[5]    Adreß-Buch der Stadt Coburg und 152 Landorte, Ausgabe: Ende Dezember 1928, Coburg 1928, S. 101; Staatsarchiv Coburg, Grundbuch Coburg; Bd. 61, S. 123.

[6]    Fromm, Coburger Juden, S. 247 (Beispiel: Esther Hirschfeld); S. 252f. (Beispiel: Hildegard Reinstein); S. 266f. (Beispiel: Max G. Löwenherz); S. 287 (Beispiel: Hans Morgenthau); S. 292 (Beispiel: Gertrude Mayer); S. 307 (Beispiel: Siegbert Kaufmann). 

[7]    Stadtarchiv Coburg, A 8521,2, fol. 112. 

[8]    Fromm, Coburger Juden, S. 66.

[9]    Ebd. 

[10]   Fromm, Coburger Juden, S. 207-223. 

[11]   Staatsarchiv Coburg, Grundbuch der Stadt Coburg, Bd. 111, S. 500.

[12]   Staatsarchiv Coburg, Grundbuch der Stadt Coburg, Bd. 61, S. 123. 

[13]   Staatsarchiv Israel, Government of Palestine, Department of Migration, Gerhard Klein, fol. 14.

[14]   Staatsarchiv Israel, Government of Palestine, Department of Migration, Gerhard Klein, fol. 3. 

[15]   Jüdische Rundschau vom 24.04.1936.

[16]   Staatsarchiv Israel, Government of Palestine, Department of Migration, Gerhard Klein, fol. 3; Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei Klein, Gerhard.

[17]   Freundliche Mitteilung von Ari Kayser vom 09.11.2025.

[18]   Stadtarchiv Coburg, Einwohnerkartei, Klein, Leonhard und Sophie. 

[19]   Staatsarchiv Israel, Government of Palestine, Department of Migration, Gerhard Klein, fol. 14.

[20]   Ebd. 

[21]   Staatsarchiv Israel, Government of Palestine, Department of Migration, Gerhard Klein, fol. 6. 

[22]   Mitteilung der Israel Genealogy Research Association vom 11.09.2025.  

[23]   Ebd. 

[24]   Ebd. 

[25]   Staatsarchiv Israel, Government of Palestine, Department of Migration, Cecile Shmulevich, fol. 3, 8. 

[26]   Laut Angaben bei myheritge.com (https://www.myheritage.de/profile-OYYV7ITPJIAQ2D6XSORVU3THUE6NWOI-1500005/gad-klein#biography (Öffnet in einem neuen Tab)), aufgerufen am 23.10.2025.

Patenschaft

Die Patenschaft über den Stolperstein von Gerhard Klein haben die Familien Kayser, Lior, Smira und Leshem übernommen. 

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Stadt Coburg
  • Christian Boseckert
  • Stadtarchiv Coburg
  • Staatsarchiv Israel, Einbürgerungsverfahren Gerhard Klein
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