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Stadt Coburg

Stolperstein

Rosemarie Klein, verh. Lior

Inhalt

  1. Biographie
  2. Jugendjahre und Wachsender Antisemitismus
  3. NS-Zeit
  4. Flucht
  5. Leben in Palästina/Israel
Verlegeort des Stolpersteins

Biographie

Stolperstein für Rosemarie Klein (ki-bearbeitet)

Rosemarie Klein kam am 5. März 1929 in Coburg zur Welt.[1] Ihr Vater Leonhard Klein (Öffnet in einem neuen Tab)wurde am 5. April 1886 in Bamberg (Königreich Bayern), ihre Mutter Sophie Klein, (Öffnet in einem neuen Tab) geb. Mannheimer, am 30. Juni 1902 in Coburg geboren. Ursula hatte zwei Geschwister:  

Jugendjahre und Wachsender Antisemitismus

Wohnhaus der Familie Klein am Kanonenweg

Rosemarie Klein wuchs in einer Zeit auf, in der sich die Lebensbedingungen für Juden in Deutschland – und damit auch in Coburg – zunehmend verschlechterten. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs griffen in weiten Teilen der Gesellschaft antisemitische Deutungsmuster um sich: Teile der Bevölkerung und besonders völkisch-nationalistische Kreise machten „die Juden“ für die Kriegsniederlage und das wirtschaftliche wie politische Krisenerleben der Nachkriegszeit verantwortlich. Daran knüpften ab 1919 verstärkt Flugblätter, Zeitungsartikel, Plakate und öffentliche Vorträge an, die gezielt gegen die als „Schuldige“ markierten Gruppen agitierten. In Coburg traf dies auf einen frühen kommunalpolitischen Aufstieg der NSDAP, die 1929 bei den Stadtratswahlen die Mehrheit der Sitze errang und die Stadt in den folgenden Jahren zu einer Hochburg des Nationalsozialismus machte.

Bereits seit Anfang der 1920er Jahre war es im Zusammenhang mit völkischen Aufmärschen und nationalsozialistischer Straßenpolitik immer wieder zu politischen und antisemitischen Übergriffen gekommen; mit der zunehmenden Machtstellung der Nationalsozialisten häuften sich diese Gewalttaten. Nach den Wahlerfolgen der NSDAP 1929 kam es in Coburg verstärkt zu Angriffen auf jüdische Bürgerinnen und Bürger sowie zu Sachbeschädigungen an jüdischem Eigentum. Die jüdische Gemeinde versuchte, sich mit Anzeigen und Gerichtsverfahren gegen Übergriffe zu wehren. Diese Schritte führten jedoch allenfalls zu begrenzten Erfolgen und konnten die wachsende Gewalt und Ausgrenzung nicht stoppen. Unter dem Eindruck dieser Entwicklung verließ ein Teil der jüdischen Bevölkerung Coburg. Hatte die jüdische Gemeinde 1925 noch 316 Mitglieder, so waren es 1933 nur noch 233 Personen.[2]

Die Familie Klein blieb nach den vorliegenden Quellen von direkten antisemitischen Gewalttaten und Sachbeschädigungen verschont, sodass Rosemarie trotz der zunehmenden antisemitischen Stimmung in Coburg vergleichsweise behütet aufwachsen konnte. Sie lebte mit ihren Eltern und ihren Geschwistern in einem Haus am Kanonenweg, das ihr Vater 1922 erworben hatte.[3]  Leonhard Klein war zu dieser Zeit an der Fabrik seines Bruders Julius beteiligt, die keramisch-technische Produkte herstellte.[4] 1928 gründete Klein die Keramisch-Technische Industrie GmbH mit Sitz in einem Fabrikgebäude am Kalenderweg 29.[5] Das Unternehmen produzierte nach heutigem Forschungsstand Industrie-, Sanitär- und technische Keramik, feuerfeste Materialien wie Schamotte sowie Baustoffe wie Fliesen und Platten.

NS-Zeit

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 verschärfte sich die Lage für die Familie Klein dramatisch. Im März 1933 wurde Rosemaries Vater, Leonhard Klein, von Angehörigen der SA festgenommen, die sich in Coburg als sogenannte „Not-Polizisten“ bezeichneten und als Unterstützung für die reguläre Stadtpolizei eingesetzt worden waren, und in sogenannte „Schutzhaft“ genommen.

Diese Schutzhaft diente nicht dem Schutz der Betroffenen, sondern war ein Instrument der politischen Verfolgung und Einschüchterung. Ihre formaljuristische Grundlage bildete die Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933, durch die grundlegenden Freiheitsrechte außer Kraft gesetzt und der Polizei weitreichende Befugnisse zur willkürlichen Inhaftierung von vor allem politischen Gegnern, später auch von Juden, eingeräumt wurden. Die Schutzhaft wurde zu einem zentralen Mittel beim Aufbau des Konzentrationslagersystems, in dem sich die Verfolgungspolitik bis hin zum Völkermord an den europäischen Juden radikalisierte. Besonders gefährdet waren Juden, die in der Öffentlichkeit standen, wirtschaftlich erfolgreich oder in der Gemeinde hervorgehoben waren. Nach den vorliegenden Quellen gehörte auch Leonhard Klein zu diesem besonders exponierten Personenkreis. Er wurde in die berüchtigte „Prügelstube“ im Gebäude der Stadtpolizei an der Rosengasse 1 gebracht, in der SA-Männer 1933 zahlreiche jüdische Bürger und politische Gegner misshandelten.[6] In dieser „Prügelstube“ erlitt Klein nach der Überlieferung mindestens eine so schwere Misshandlung, dass er fortan auf zwei Gehstöcke angewiesen war, obwohl er zuvor ohne Einschränkungen gehen konnte.[7]

Inwieweit Rosemarie Klein die Misshandlung ihres Vaters bewusst wahrnahm und welche konkreten Auswirkungen diese Erfahrung auf ihr weiteres Leben und das ihrer Familie hatte, lässt sich aufgrund der Quellenlage nicht zuverlässig sagen.

Rosemarie Kleins schulische Ausbildung war hingegen deutlich von der Ausgrenzungspolitik des NS-Staates geprägt. Bereits in den ersten Jahren nach 1933 wurden jüdische Kinder im gesamten Reich durch Gesetze, Verordnungen und administrative Maßnahmen schrittweise aus dem staatlichen Schulwesen verdrängt. Der Schulalltag wurde für jüdische Schülerinnen und Schüler zunehmend belastender: Viele Lehrkräfte passten sich dem Regime an, diffamierten jüdische Kinder offen, beleidigten sie oder brachten antisemitische Inhalte in den Unterricht ein, die ihre kulturelle und religiöse Identität herabsetzten. Zugleich verstärkte sich ihre soziale Isolation, da Kontakte zu nichtjüdischen Mitschülern unter dem Druck von Propaganda und gesellschaftlicher Konformität immer stärker eingeschränkt wurden. Auch von außerschulischen Aktivitäten und sportlichen Wettbewerben, die häufig unter der Kontrolle nationalsozialistischer Organisationen wie der Hitlerjugend oder dem Bund Deutscher Mädel standen, wurden jüdische Kinder nach und nach ausgeschlossen.

Mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 – dem Reichsbürgergesetz und dem Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre – erreichte die rassistische Diskriminierung einen neuen Höhepunkt. Die Gesetze definierten, wer nach nationalsozialistischen Kriterien als „Jude“ galt, entzogen jüdischen Deutschen die vollen Staatsbürgerrechte und verankerten die Vorstellung ihrer „rassischen Minderwertigkeit“ im offiziellen Diskurs. Sie schwächten damit ihre gesellschaftliche Stellung und verschlechterten auch ihre Bildungs- und Berufschancen erheblich, führten aber noch nicht unmittelbar zu einem reichsweiten Verbot des Besuchs öffentlicher Schulen.

Die Verdrängung jüdischer Kinder aus den öffentlichen Schulen vollzog sich vielmehr stufenweise: Der Anteil jüdischer Kinder an öffentlichen Schulen sank zwischen 1933 und 1937 deutlich, bevor das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung am 15. November 1938 – unmittelbar nach den Novemberpogromen – anordnete, dass jüdische Kinder keine „deutschen“ Schulen mehr besuchen durften und nur noch jüdische Schulen zugelassen waren. Vor diesem Hintergrund wurden viele jüdische Kinder bereits vor 1938 aus öffentlichen Schulen verdrängt oder von ihren Familien auf jüdische Privatschulen geschickt.

In Coburg bedeutete dies, dass jüdische Kinder de facto nur noch die von dem Prediger Hermann Hirsch geleitete jüdische Schule besuchen konnten. Das von Hirsch nach dem Ersten Weltkrieg gegründete Knabeninternat in der Hohen Straße 30 war zunächst als Pensionat für auswärtige Schüler gedacht, die in Coburg eine weiterführende Schule besuchten; 1935 wurde es in eine jüdische Privatschule umgewandelt und entwickelte sich in der NS-Zeit zu einem zentralen Bildungs- und Lebensort der Coburger Juden. Rosemarie Klein durfte keine öffentliche Schule besuchen und fand nach den vorliegenden Hinweisen Aufnahme in dieser von Hirsch geleiteten Einrichtung.[8]

Die von Hermann Hirsch geleitete Schule ging aus dem früheren Knabeninternat hervor und erfüllte in der Zeit der Verfolgung mehrere Aufgaben. Erstens bot sie den jüdischen Kindern einen relativen Schutzraum vor alltäglichen antisemitischen Übergriffen und Demütigungen, wie sie im öffentlichen Schulwesen häufiger wurden. Zweitens vermittelte sie ein positives Selbstverständnis der jüdischen Religion, Kultur und Geschichte, um den Schülerinnen und Schülern in einer zunehmend feindseligen Umgebung Orientierung und Halt zu geben. Drittens wurde – wie in vielen jüdischen Schulen der 1930er Jahre – dem Fremdsprachenunterricht, insbesondere in Englisch, Französisch und Hebräisch, große Bedeutung beigemessen, um die Kinder auch auf eine mögliche Emigration vorzubereiten.[9]

Finanziell musste sich die Schule weitgehend selbst tragen, da jüdische Privatschulen in der Regel keine staatliche Unterstützung erhielten und auf Elternbeiträge sowie Spenden angewiesen waren – eine erhebliche Belastung für viele jüdische Familien, die bereits unter beruflichen Einschränkungen und wirtschaftlichen Repressionen infolge der antijüdischen Maßnahmen litten.

Flucht

Nach 1933 verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation der Familie Klein immer weiter, was schließlich in eine existenzielle Krise mündete. Im Mai 1936 sah sich Leonhard Klein gezwungen, sein Wohnhaus zu verkaufen.[10] Zwei Monate später, im Juli 1936, musste er seinen Betrieb schließen und die Fabrik im Kalenderweg veräußern.[11] Diese Entwicklung stand im Kontext der zunehmenden wirtschaftlichen Ausgrenzung jüdischer Unternehmer im nationalsozialistischen Deutschland, etwa durch Boykottaufrufe, Einschränkungen beim Zugang zu Aufträgen und Krediten sowie durch den wachsenden politischen Druck.

Vor diesem Hintergrund entschloss sich das Ehepaar Klein, Deutschland zu verlassen. Zuvor wollten sie jedoch ihre beiden ältesten Kinder, Gerhard und Ursula, in Sicherheit bringen. Beide sollten nach Palästina ausreisen, das damals als britisches Mandatsgebiet unter der Verwaltung von Großbritannien stand. Mit hoher Wahrscheinlichkeit gelang dies im Rahmen der Kinder- und Jugend-Alija (Jugend-Alijah). Dabei handelte es sich um eine jüdische Organisation, die ab 1933 Kinder und Jugendliche aus dem Deutschen Reich und anderen Ländern nach Palästina brachte, wo sie vor allem in Kibbuzim und Jugenddörfern Aufnahme fanden. 

Voraussetzung für die Teilnahme war in der Regel eine finanzielle Absicherung durch Bürgschaften bzw. Patenschaften für Unterhalt, Ausbildung und Betreuung – meist über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren –, wobei entsprechende Garantiesummen nachzuweisen waren.

Gerhard und Ursula waren bei ihrer Ausreise 13 bzw. 11 Jahre alt. Sie gehörten damit zwar eher zu den jüngeren Teilnehmern; die Kinder- und Jugend-Alija richtete sich ursprünglich vor allem an Jugendliche im mittleren und späteren Teenageralter, dehnte ihre Tätigkeit jedoch im Verlauf der 1930er Jahre auch auf jüngere Kinder aus. Ihre Ausreise erfolgte im Rahmen organisierter Transporte, die von der Jugend-Alijah, der Jewish Agency und weiteren zionistischen bzw. jüdischen Organisationen koordiniert wurden und die Kinder unter institutioneller Obhut nach Palästina brachten.

Rosemarie war mit sieben Jahren noch deutlich jünger und dürfte allein aufgrund ihres Alters kaum in ein solches Programm aufgenommen worden sein. Sie blieb daher zunächst bei ihren Eltern in Deutschland. 

Leonhard und Sophie Klein verließen am 25. Juni 1937 Coburg und kamen nach einer Bahn- und Schiffahrt gemeinsam mit Rosemarie am 5. Juli in Palästina an.[12] Die Familie ließ sich im weiteren Verlauf in Tel Aviv nieder, wo auch die älteren Geschwister wieder zu ihnen stießen und die Familie sich – soweit die Quellen erkennen lassen – zunächst eine neue wirtschaftliche und soziale Existenz aufzubauen versuchte

Leben in Palästina/Israel

Über das weitere Leben Rosemarie Kleins ist den vorliegenden Quellen zufolge nur wenig bekannt. Nach der Emigration nach Palästina, dem späteren Israel, heiratete sie Aharon Lior und nahm den hebräischen Vornamen „Ruti“ an, den sie fortan anstelle ihres deutschen Vornamens verwendete. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Rosemarie (Ruti) Lior starb am 29. März 2018 im Alter von 89 Jahren.[13]

Quellen- und Literaturverzeichnis

[1]    Staatsarchiv Israel, Einbürgerung von Leonhard Klein, fol. 10. 

[2]    Zusammenfassung bei Hubert Fromm, Die Coburger Juden. Geschichte und Schicksal, Coburg ²2001.

[3]    Stadtarchiv Coburg, Einwohnerkartei, Klein, Leonhard und Sophie; Staatsarchiv Coburg, Grundbuch der Stadt Coburg, Bd. 39, S. 274f.

[4]    Coburger Zeitung vom 26.02.1924. 

[5]    Adreß-Buch der Stadt Coburg und 152 Landorte, Ausgabe: Ende Dezember 1928, Coburg 1928, S.  101; Staatsarchiv Coburg, Grundbuch Coburg; Bd. 61, S. 123.

[6]    Stadtarchiv Coburg, A 8521,2, fol. 112. 

[7]    Hubert Fromm, Die Coburger Juden. Geschichte und Schicksal, Coburg ²2001, S. 66.

[8]    Ebd. 

[9]    Fromm, Coburger Juden, S. 207-223. 

[10]   Staatsarchiv Coburg, Grundbuch der Stadt Coburg, Bd. 111, S. 500.

[11]   Staatsarchiv Coburg, Grundbuch der Stadt Coburg, Bd. 61, S. 123. 

[12]   Stadtarchiv Coburg, Einwohnerkartei, Klein, Leonhard und Sophie; Staatsarchiv Israel, Einbürgerung von Leonhard Klein, fol. 3.

[13]   Rosmarie (Ruti) Lior (geb. Klein), in: MyHeritage (https://www.myheritage.de/profile-OYYV7ITPJIAQ2D6XSORVU3THUE6NWOI-1500031/rosmarie-ruti-klein (Öffnet in einem neuen Tab)), aufgerufen am 24.10.2025. 

Patenschaft

Die Patenschaft über den Stolperstein von Gerhard Klein haben die Familien Kayser, Lior, Smira und Leshem übernommen. 

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

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  • Christian Boseckert
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