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Biographie
Ursula Klein kam am 13. Mai 1925 in Coburg zur Welt.[1] Ihr Vater Leonhard Klein (Öffnet in einem neuen Tab) wurde am 5. April 1886 in Bamberg (Königreich Bayern), ihre Mutter Sophie Klein (Öffnet in einem neuen Tab), geb. Mannheimer, am 30. Juni 1902 in Coburg geboren. Ursula hatte zwei Geschwister:
- Gerhard Klein (Öffnet in einem neuen Tab) (geboren am 10. Juni 1923 in Coburg)
- Rosemarie Klein (Öffnet in einem neuen Tab) (geboren am 5. März 1929 in Coburg)
Jugendjahre und Wachsender Antisemitismus
Ursula Klein wuchs in einer für deutsche Juden schwierigen Zeit auf. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hatte sich das Leben für Juden in Deutschland und damit auch in Coburg schrittweise verändert. Viele Menschen machten sie für die Kriegsniederlage und das daraus resultierende wirtschaftliche und politische Chaos verantwortlich. Ab 1919 wurden zunehmend Flugblätter, Zeitungsartikel, Plakate und Vorträge verbreitet, die gezielt gegen die vermeintlichen Schuldigen dieser Misere hetzten. Zusammen mit dem frühen Aufstieg des Nationalsozialismus in der Vestestadt bildete dies die Basis für die späteren Gewalttaten gegen die jüdische Bevölkerung. Mit der Machtübernahme der Coburger Nationalsozialisten im Jahr 1929 begann eine erste Welle der Gewalt: Die Zerstörung jüdischen Eigentums und körperliche Angriffe auf einzelne jüdische Bürger nahmen drastisch zu. Die jüdische Gemeinschaft versuchte sich in dieser Zeit mit Anzeigen und Gerichtsprozessen zu wehren, doch ihre Bemühungen blieben erfolglos. Unter dem Eindruck dieser Entwicklung verließen viele Juden die Vestestadt, nachdem bis 1925 ein Anstieg der jüdischen Einwohnerzahlen zu verzeichnen war. Umfasste die jüdische Gemeinde 1925 noch 316 Personen, so sank deren Zahl bis 1933 auf 233 ab.[2]
Die Familie Klein blieb während dieser Zeit von antisemitischen Gewalttaten und Sachbeschädigungen verschont, sodass Ursula trotz der wachsenden Juden-Feindlichkeit relativ wohlbehütet aufwachsen konnte. Sie lebte mit ihren Eltern und ihren Geschwistern in einem Haus am Kanonenweg, welches ihr Vater 1922 erworben hatte.[3] Leonhard Klein war damals Teilhaber an der Fabrik seines Bruders Julius beteiligt, die keramisch-technische Produkte herstellte.[4] Im Jahr 1928 gründete Leonhard Klein die Keramisch-Technische Industrie GmbH, deren Firmensitz sich in einem Fabrikgebäude am Kalenderweg 29 befand.[5] Das Unternehmen stellte wohl Industrie-, Sanitär- und technische Keramik, feuerfeste Materialien wie Schamotte oder Baustoffe wie Fließen oder Platten her.
Inwieweit Ursula die antisemitische Entwicklung in der Schule wahrnahm (sie kam 1931 auf eine öffentliche Schule) ist nicht überliefert. Zu dieser Zeit waren Schülerinnen und Schüler noch unterschiedlich stark von Antisemitismus betroffen. Die Intensität und Art der Diskriminierung variierten bis 1933 erheblich: Während einige keinerlei antisemitische Erfahrungen in ihrer Schulgemeinschaft machten, litten andere zunehmend unter Diskriminierung, Isolation und Anfeindungen durch Mitschüler oder Lehrer. Dieses zwiespältige Bild wird durch die bisherigen Forschungen von Hubert Fromm anhand einzelner Biografien bestätigt.[6]
NS-Zeit
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler verschärfte sich die Lage für die Familie Klein dramatisch. Im März 1933 wurde Ursulas Vater von Mitgliedern der SA, die sich selbst als „Not-Polizisten“ bezeichneten und als Unterstützung für die reguläre Stadtpolizei eingesetzt worden waren, festgenommen und in sogenannte Schutzhaft genommen. Diese Schutzhaft diente nicht dem Schutz, sondern war ein willkürliches und repressives Instrument zur Verfolgung von Juden und politischen Gegnern, ohne jede rechtliche Grundlage. Sie bildete die Grundlage für die systematische Verfolgung im nationalsozialistischen Terrorregime, die später in der Errichtung von Konzentrationslagern und der industrialisierten Vernichtung gipfelte. Besonders gefährdet waren Juden, die öffentlich bekannt, wirtschaftlich erfolgreich oder gesellschaftlich engagiert waren. Zu dieser Gruppe gehörte auch Leonhard Klein. Er wurde in die berüchtigte „Prügelstube“ gebracht, die sich im Gebäude der Stadtpolizei an der Rosengasse befand.[7] Diese Einrichtung diente dazu, politische Gegner und jüdische Bürger systematisch einzuschüchtern und zu misshandeln. In dieser „Prügelstube“ erlitt Klein mindestens eine so schwere Misshandlung, dass er fortan auf zwei Gehstöcke angewiesen war, obwohl er zuvor ohne Einschränkungen gehen konnte.[8]
Die willkürliche Verhaftung des Vaters dürfte auch für Ursula Klein ein einschneidendes Ereignis gewesen sein. Gerade bei einem achtjährigen Kind dürfte durch die Inhaftierung ein familiäres Sicherheitsgefühl verloren und mit einer frühen Traumatisierung einher gegangen sein.
Zudem änderte sich die Situation für jüdische Schüler dramatisch. Ab diesem Zeitpunkt begann eine systematische Vertreibung jüdischer Schüler aus dem deutschen Bildungssystem. Der Schulalltag wurde für sie immer belastender. Lehrkräfte, die sich dem Regime anpassten, diffamierten jüdische Schüler öffentlich, indem sie sie direkt beleidigten oder antisemitische Inhalte in den Unterricht einbrachten, die ihre kulturelle Identität herabsetzten. Gleichzeitig verstärkte sich ihre soziale Isolation, da Kontakte zu nicht-jüdischen Mitschülern durch die allgegenwärtige Propaganda und den sozialen Druck stark eingeschränkt wurden. Zudem wurden jüdische Schüler zunehmend von außerschulischen Aktivitäten und sportlichen Wettbewerben ausgeschlossen, die oft unter der Kontrolle nationalsozialistischer Organisationen wie der Hitlerjugend oder dem Bund Deutscher Mädel standen. Auch Ursula Klein dürfte ähnliche Erfahrungen gemacht haben. In den Schulakten ist hierzu nichts vermerkt.
Mit der Einführung der Nürnberger Gesetze 1935 erreichte die Diskriminierung einen neuen Höhepunkt. Jüdische Schüler wurden vom Regime als „rassisch minderwertig“ bezeichnet, was nicht nur ihre gesellschaftliche Stellung weiter schwächte, sondern auch ihre Teilnahme am Bildungswesen stark einschränkte. Schließlich führte die zunehmende Entrechtung dazu, dass sie ab 1935/36 vollständig aus öffentlichen Schulen ausgeschlossen wurden und gezwungen waren, auf private jüdische Schulen zu wechseln. Auch Ursula Klein musste die öffentliche Schule verlassen. Sie fand wohl Aufnahme in der Privatschule des jüdischen Predigers Hermann Hirsch.[9]
Die von Hermann Hirsch geleitete Schule entwickelte sich aus einem früheren Knabeninternat und erfüllte drei zentrale Aufgaben: Erstens bot sie Schutz vor antisemitischen Übergriffen. Zweitens vermittelte sie ein positives Selbstverständnis der jüdischen Kultur und Geschichte, um den Schülern in einer zunehmend feindseligen Umgebung Halt zu geben. Drittens legte sie besonderen Wert auf den Fremdsprachenunterricht, insbesondere Englisch, Französisch und Hebräisch, um die Schüler auf eine mögliche Emigration vorzubereiten.[10] Finanziell musste sich die Schule selbst tragen, da sie keinerlei staatliche Unterstützung erhielt und sich ausschließlich durch Beiträge der Eltern und Spenden finanzierte. Diese Belastung war für viele jüdische Familien, die ohnehin unter den wirtschaftlichen Einschränkungen durch die antijüdischen Gesetze litten, eine große Herausforderung.
Flucht
Nach 1933 verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation der Kleins immer weiter, was schließlich zu einer existenzielle Krise führte. Im Mai 1936 sah sich Leonhard Klein gezwungen, sein Wohnhaus zu verkaufen.[11] Zwei Monate später, im Juli 1936, musste er seinen Betrieb schließen und die Fabrik im Kalenderweg verkaufen.[12]
Aufgrund dieser Entwicklung entschloss sich das Ehepaar Klein, aus Deutschland zu fliehen. Zuvor wollten sie jedoch ihre beiden ältesten Kinder, Gerhard und Ursula in Sicherheit bringen. Beide sollten nach Palästina geschickt werden, das damals unter britischer Mandatsverwaltung unterstand. Dies gelang mit hoher Wahrscheinlichkeit über die Kinder- und Jugend-Alija. Dabei handelte es sich um eine jüdische Organisation, die versuchte, möglichst viele Jugendliche und Kinder aus Deutschland nach Palästina in Sicherheit zu bringen. Bedingung für eine Teilnahme an dem Programm war in der Regel eine Patenschaft bzw. Finanzgarantie für Unterhalt und Betreuung (oft für zwei Jahre) durch anerkannte Einrichtungen.
Gerhard und Ursula waren bei ihrer Ausreise 13 und 11 Jahre alt, exakt die Altersgruppe, die seit 1933 in organisierten Kinder- und Jugendtransporten unter der Obhut der Jewish Agency bzw. angeschlossener Einrichtungen nach Palästina gebracht wurde, welches damals unter britischer Mandatshoheit stand. Ein weiterer Hinweis auf die Teilnahme der Geschwister an diesem Programm findet sich in dem späteren Einbürgerungsantrag Gerhard Kleins. Darin firmiert u. a. ein Schulleiter als Bürge. Dies entsprach dem typischen Umfeld für Jugend-Alijah-Einwanderer, die nach Ankunft in Schulen, Jugenddörfern oder Internaten untergebracht wurden und für deren Unterhalt eine Patenschaft und Finanzgarantie bestand[13].
Nachdem Gerhard und Ursula Klein Mitte März 1936 in Coburg ihre Ausreisepapiere erhalten hatten, verließen sie am 4. Mai die Vestestadt und betraten nach einer siebentätigen Reise per Bahn und Schiff am 11. Mai 1936 erstmals Palästina. Ursula erhielt dabei die Immigranten-Registriernummer HA/7456/3 (III).[14]
Leben in Palästina und Berufliche Ausbildung
Nach ihrer Ankunft wurden Gerhard und Ursula für etwa ein Jahr in dem Jugendheim „Ziv“ in Tel-Litivinsky untergebracht.[15] Diese Unterbringung im Rahmen der von Jugend-Alijah-Strukturen getragenen Betreuung diente ihrer Versorgung, schulischen Förderung und schrittweisen Eingliederung in das Leben im jüdischen Gemeinwesen Palästinas.
Bereits im Juni 1937 gelangten auch Gerhards Eltern und die jüngere Schwester Rosemarie nach Palästina. Die Familie legte ihren Lebensmittelpunkt nach Tel Aviv.[16] In den folgenden Jahren schlug Ursula eine erfolgreiche Schullaufbahn ein. 1944 nahm sie erfolgreich an den Immatrikulationsprüfungen der britischen Mandatsmacht teil.[17] Der Abschluss war vergleichbar mit deutschen Abitur. Im gleichen Jahr stellte sie, inzwischen 19-jährig, einen Antrag auf Einbürgerung.[18] Nach wenigen Wochen erhielt sie im Februar 1944 die palästinensische Staatsbürgerschaft, die 1925 von der britischen Mandatsverwaltung eingeführt worden war.[19] Die deutsche Staatsangehörigkeit hatte sie bereits aufgrund der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941 verloren.[20] Danach arbeitete sie zunächst als Krankenschwester.[21] Ihr Ziel war es aber, Medizin zu studieren. Dies gelang ihr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Etwa 1947 kehrte Ursula nach Deutschland zurück und begann ein Studium der Medizin an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg. Nach ihrem Abschluss ging sie um 1955 in die Vereinigten Staaten, wo sie in Kansas City ein Weiterbildungsjahr absolvierte. Diese Weiterbildung diente zur Vorbereitung zur ihrer Facharztausbildung. Als Fachgebiet wählte sich Ursula die Radiologie. In diesem Bereich ließ sie sich an der University of Virginia in Charlottesville bis zum Sommer 1959 ausbilden. Danach trat sie ihre erste Stelle als Radiologin am Veterans Administration Hospital in Oklahoma City an.[22]
Tod
Ursula Klein starb am 30. Oktober 1959 im Alter von 34 Jahren in Oklahoma City.[23] Über ihre genauen Todesumstände ist nichts bekannt. Sie blieb zeitlebens unverheiratet. Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem Emanuel Hebrew Cemetery in Oklahoma City.[24]
Quellen- und Literaturverzeichnis
[1] Stadtarchiv Coburg, Einwohnerkartei, Klein, Ursula
[2] Zusammenfassung bei Hubert Fromm, Die Coburger Juden. Geschichte und Schicksal, Coburg ²2001.
[3] Stadtarchiv Coburg, Einwohnerkartei, Klein, Leonhard und Sophie; Staatsarchiv Coburg, Grundbuch der Stadt Coburg, Bd. 39, S. 274f.
[4] Coburger Zeitung vom 26.02.1924.
[5] Adreß-Buch der Stadt Coburg und 152 Landorte, Ausgabe: Ende Dezember 1928, Coburg 1928, S. 101; Staatsarchiv Coburg, Grundbuch Coburg; Bd. 61, S. 123.
[6] Fromm, Coburger Juden, S. 247 (Beispiel: Esther Hirschfeld); S. 252f. (Beispiel: Hildegard Reinstein); S. 266f. (Beispiel: Max G. Löwenherz); S. 287 (Beispiel: Hans Morgenthau); S. 292 (Beispiel: Gertrude Mayer); S. 307 (Beispiel: Siegbert Kaufmann).
[7] Stadtarchiv Coburg, A 8521,2, fol. 112.
[8] Fromm, Coburger Juden, S. 66.
[9] Ebd.
[10] Fromm, Coburger Juden, S. 207-223.
[11] Staatsarchiv Coburg, Grundbuch der Stadt Coburg, Bd. 111, S. 500.
[12] Staatsarchiv Coburg, Grundbuch der Stadt Coburg, Bd. 61, S. 123.
[13] Staatsarchiv Israel, Government of Palestine, Department of Migration, Gerhard Klein, fol. 14.
[14] Staatsarchiv Israel, Government of Palestine, Department of Migration, Ursula Klein, fol. 3; Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei Klein, Ursula.
[15] Freundliche Mitteilung von Ari Kayser vom 09.11.2025.
[16] Stadtarchiv Coburg, Einwohnerkartei, Klein, Leonhard und Sophie.
[17] Mitteilung der Israel Genealogy Research Association vom 11.09.2025.
[18] Staatsarchiv Israel, Government of Palestine, Department of Migration, Ursula Klein, fol. 2.
[19] Staatsarchiv Israel, Government of Palestine, Department of Migration, Ursula Klein, fol. 7.
[20] Stadtarchiv Coburg, Einwohnermeldekartei, Klein, Ursula.
[21] Staatsarchiv Israel, Government of Palestine, Department of Migration, Ursula Klein, fol. 9.
[22] The Southwest Jewish Chronicle vom 01.12.1959. Dort findet sich auch ihr beruflicher Lebenslauf.
[23] Ebd.
[24] Ursula N Klein, in: findagrave (https://de.findagrave.com/memorial/19389071/ursula_n-klein/photo (Öffnet in einem neuen Tab)), aufgerufen am 16.10.2025.
Patenschaft
Die Patenschaft über den Stolperstein von Gerhard Klein haben die Familien Kayser, Lior, Smira und Leshem übernommen.
